Keine Chance für Gockel

Das Dellbrücker Forum ist eine Institution in Sachen Streitkultur

Bei den Diskussionsrunden in der Christuskirche soll das Gotteshaus ein Schutzraum sein für Streit ohne Konfrontation.

VON BJÖRN SCHMIDT

Dellbrück - Die Hilfe kam per Handy: Für Cem Özdemir, den einstigen Vorzeige-Grünen im Bundestag, war es offenkundig Neuland - die Anfahrt zum Dellbrücker Forum musste Moderator Arnd Henze dem verspäteten Europapolitiker während laufender Podiumsdiskussion diktieren. Das Publikums nahm's mit Humor. Dabei wird in der Christuskirche durchaus ernst und seriös diskutiert, und der Bekanntheitsgrad der Reihe reicht weit über den Stadtteil hinaus.
Bap-Chef Wolfgang Niedecken und Theaterregisseur Jürgen Flimm (in dieser Gemeinde getauft) haben dort über Kultur debattiert, Teamchef Rudi Völler thematisierte die Kommerzialisierung des Fußballs, und NRW-Ministerin Bärbel Höhn stritt sehr heftig mit Kampfhundebesitzern. "Im Forum", hat CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach unlängst selbst gespürt, "kannst du nicht ausweichen, man sitzt den Menschen hautnah gegenüber." Honorare erhält keiner der Gäste, und übernachtet wird notfalls bei Henzes im Gästebett.
220 Interessierte besuchen im Schnitt die Abende zu lokalen und globalen Themen wie Fluglärm, Müllpolitik oder Krieg - Rekordveranstaltung war bislang die Kopftuchdebatte vor Monatsfrist, als 400 Interessierte mit Bosbach, Muslima Nadja El-Ammarine und dem ehemaligen Präses der evangelischen Kirche Manfred Kock eine äußerst kontroverse und emotionale Diskussion führten. Besonders sei die oft unerwartete Zusammensetzung der Podien, findet der Bundestagsabgeordnete. "Dort sitzen nicht die üblichen Verdächtigen. Anderswo wird oft mehr übereinander als miteinander geredet."
WDR-Fernsehjournalist Henze strebt keine Show mit prominenter Besetzung an, sondern möglichst Ergebnis offene Runden mit Entscheidungsträgern und Querdenkern, die Antworten auf ehrliche Fragen der Bürger suchen. "Die Leute sind Pseudo- und Symboldiskussionen leid. Die führen zu Politikverdrossenheit." Die Kirche als Tagungsort sieht der studierte Theologe als gelungenen Schutzraum für Streit ohne Konfrontation. "Wir bringen soziale Milieus zueinander, und der faire Umgang hat sich inzwischen herumgesprochen." Zu den Höhepunkten in den bald zwölf Jahren Forum zählt die Debatte "Wer zähmt die Globalisierung", als es Henze gelungen war, Sprecher des Bayer-Vorstands und Attac-Mitglieder an einen Tisch zu holen.
Im Publikum mischten sich in bunter Runde die unterschiedlichen Anhänger. "Und die haben gemerkt, die anderen beißen nicht." Als ebenso erfolgreich betrachtet der 42 Jahre alte Journalist die Diskussion "Krieg und Medien", als auch 30 Uniformierte auf den Bänken in der vollen Kirche Platz nahmen - es gab Empörung in der Gemeinde. "Ich möchte den Leuten etwas zumuten", sagte Henze. "Das müssen die aushalten."
Sämtliche Themen rund um Soziales, Gerechtigkeit, Frieden und Umwelt gehören seiner Ansicht nach unstrittig in den Kernbereich der Kirche. Wer sich aufs Podium begibt, der "muss auch Ahnung haben", fordert Henze. "Die Leute spüren, wenn Entscheidungsträger mit einem Spickzettelchen zu dünn auf der Brust sind." Im Gemeindesaal stehen die Stuhlreihen ganz nah am Podium, "da ist es sehr peinlich, wenn einer den Gockel macht", sagt Henze. Für manchen war's schon zu eng: Gestandene Bundespolitiker und eine junge Bundestagskandidatin wurden vom neugierigen Publikum mit bohrenden Fragen "zerlegt". "Das Dellbrücker Forum ist ein Abend ohne Eitelkeit", warnt Henze. "Dies lässt das Publikum einfach nicht zu."