KUNST UND GESELLSCHAFT Welche Rolle spielt die Kunst in der Protestkultur? Eine Diskussion im rechtsrheinischen Köln beschäftigte sich mit dieser Frage und mit dem aktuellen Geschehen

 

Nicht anders als ein Zahnarzt

VON CHRISTIANE DOHMSTREICH

 

Nur wenige Plätze waren freigeblieben, als in der Christuskirche in Köln-Dellbrück darüber diskutiert wurde, "wie widerständig die Kunst" sei. Moderator Arnd Henze, Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR), hatte im Rahmen der Veranstaltungsreihe Dellbrücker Forum eingeladen, die regelmäßig Interessenten auch aus der weiteren Umgebung anzieht.

Auf dem Podium saßen vier Männer, die wohl als Wortkünstler bezeichnet werden könnten: Der Regisseur und Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele Jürgen Flimm, der Rockmusiker und Kölsch-Lyriker Wolfgang Niedecken, Wilfried Schmickler, als Kabarettist vor allem durch die WDR-Sendung "Mitternachtsspitzen" bekannt, und der stellvertretende WDR-Unterhaltungschef und Redakteur der "Mitternachtsspitzen", Rolf Bringmann.

Bedingt durch die aktuelle weltpolitische Situation blieb das Gespräch nur kurz bei der Erörterung der Rolle der Kunst im Allgemeinen: Jürgen Flimm stellte fest, dass Kunst immer politische Inhalte habe und die Perspektive des Theaters immer eine andere gewesen sei als die der Herrschenden.

 

Kriegsausbruch war nur eine Nuance

 

Wilfried Schmickler kam dann schnell auf Aktuelles zu sprechen. Zu schaffen mache ihm die zunehmend anti-amerikanische Einstellung in Deutschland. "Vor eineinhalb Jahren, nach dem 11. September, waren wir alle noch Amerikaner. Und jetzt dieser entsetzliche AntiAmerikanismus. Im Boykott sind wir tatsächlich Spezialisten."

Schmickler und Rolf Bringmann wiesen darauf hin, dass der Ausbruch des Kriegs nur "eine Nuance" dessen gewesen sei, was ohnehin im Gange sei. "Ich kann die Aufregung nicht verstehen, da die ersten Bomben gefallen sind. Es fallen immer und überall Bomben", sagte der Kabarettist.

Viel diskutiert wurde über die neu entstehende Protestbewegung und dass junge Leute mehr im Sinn hätten als Handys. Mit ein wenig Selbstironie betonten die Diskussionsteilnehmer, dass sie selbst zu alt seien, um sich als Galeonsfiguren dieser neuen Bewegung zu eignen. Flimm zeigte sich überzeugt, diese würde ihre eigenen Symbole entwickeln.

Welche Probleme es geben kann, Protestveranstaltungen zu organisieren, stellte sich auch heraus. Niedecken berichtete, wie viel Geld es koste, Musiker und ihre Ausrüstung auf die Bühne zu bringen. Jürgen Flimm erinnerte, dass Theater nie so schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren könne wie zum Beispiel das Kabarett.

Und wie widerständig ist die Kunst nun? Wolfgang Niedecken machte den Medien den Vorwurf, was auf den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern gespielt werde, sei weichgespült und "Mainstream". "Es wird darauf geachtet, dass da nichts Widerständiges `reinkommt." Rolf Bringmann erzählte, dass das Kabarett ihn zu der Frage bringe: "Bin ich zu angepasst, denke ich zu wenig nach?" Wilfried Schmickler formulierte, dass Kabarettisten dieselbe Aufgabe hätten wie Zahnärzte oder Schuster: "Wir tun nichts anderes, als was ich von anderen auch zu tun erwarte!" Einzige Besonderheit sei, dass Kabarettisten "quasi notorisch dagegen sind". Sein Redakteur Bringmann meinte allerdings, Künstler hätten "mehr Mut zu haben", Dinge beim Namen zu nennen. Jürgen Flimm wandte ein, dass zu "Zivilcourage eine Menge Kohle" gehöre, "vor allem in Amerika". Und noch einmal Schmickler: "Ich glaube, für den Gang der Weltgeschichte ist es scheißegal, was das Kabarett tut."

Das Publikum verfolgte die Diskussion aufmerksam und mit viel Vergnügen an humorvollen Formulierungen. Nur eine Besucherin zeigte sich enttäuscht. Sie habe eine Antwort auf die Frage "Wie widerständig ist Kunst?" erwartet, und nehme nun diese mit nach Hause: "Die Kunst war mal widerständig." Eine Utopie wünschte sie sich statt der Überlegungen, wie aufwändig eine Theaterproduktion sei und wie teuer, eine Band auf die Bühne zu bringen. An Flimm, der hartnäckig an seiner Empörung über diesen Beitrag festhielt, zeigte sich dann allerdings, wie widerständig Künstler sind.