Vom Recht zu leben und zu sterben
Das Dellbrücker Forum diskutiert über die vorliegenden Gesetzentwürfe
zur Patientenverfügung.

VON TOBIAS PETER

Elke Ehrenfeld kämpft seit längerem gegen Krebs. Aggressiven Krebs.
Sie liebt das Leben. Aber sie möchte auch sterben dürfen. Ehrenfeld ist
Präsidiumsmitglied
der "Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben". Ehrenfelds Stimme ist
unaufgeregt,
aber lässt auch keinen Raum für Zweifel, als sie sagt: "Ich will nicht
gegen meinen
Willen künstlich ernährt werden." Sie wolle Herrin des Verfahrens
bleiben.

"Wer bestimmt das Ende?" Darüber hat Ehrenfeld mit Nikolaus Schneider,
Präses der
Evangelischen Kirche im Rheinland, und Hans Friedrich Kienzle, Chefarzt
im Krankenhaus
Holweide, auf dem Dellbrücker Forum diskutiert. Im Mittelpunkt: die
beiden Gesetzentwürfe
zur Patientenverfügung. Der eine Entwurf betont das Recht des Patienten
zu sterben,
wann er möchte. Der andere will den Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen
nur dann erlauben,
wenn ein tödlicher Krankheitsverlauf vorliegt.

Ehrenfeld drängt darauf, dass die Patientenverfügung auf jeden Fall zu
beachten ist.
Kienzle ist da skeptisch. Der Arzt müsse immer zunächst untersuchen, wie
aktuell die
Patientenverfügung ist, sagt er. Der Chefarzt: "Wenn ein junger Patient
nach einem
Unfall im Koma liegt und dann taucht eine Jahre alte Patientenverfügung
auf, wird
der Arzt natürlich zögern, ihr nachzugehen." Komme dagegen ein
Tumorpatient mit einer
gerade erneuerten Verfügung in die Klinik, "dann muss der Arzt sich
daran auch halten".

Präses Schneider sieht einen Balanceakt gefordert. "Die Selbstbestimmung
des Menschen
muss mit dem Respekt vor dem Leben in Einklang gebracht werden." Die
Angst, einsam
zu sterben, sei groß. Er erzählt vom Leukämietod seiner Tochter: "Wir
haben alles
gemeinsam durchlitten." Seine Frau und er hätten viel an ihrem Bett
gesessen. Freunde
seien auf der Intensivstation zu Besuch gewesen. "Für uns miteinander
war ihr Tod
gut lebbar."

Die 300 Männer und Frauen in der Dellbrücker Christus-Kirche nehmen
regen Anteil an
der Diskussion. Eine Frau berichtet, wie sie entscheiden musste, ob bei
ihrer Mutter
die Geräte abgestellt werden. "Das hängt mir bis heute nach", sagt sie
mit brüchiger
Stimme, "auch wenn ich das Richtige getan habe." Elke Ehrenfeld erklärt:
"Auch dafür
ist die Verfügung wichtig. Um die Angehörigen zu entlasten."

Wenn nach der derzeitigen Behandlungspause ihre Haare wieder richtig
nachgewachsen
seien, dann sei es für sie vermutlich Zeit für die nächste
Chemotherapie. Die Patientenverfügung
stärke den Kranken im Kampf um sein Leben, sagt Ehrenfeld. "Denn wer
weiß, dass er
notfalls gehen kann, dem fällt es auch leichter zu bleiben."