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Die Medien und der Krieg


Im Reich der Teilwahrheit


Diskussionsrunde beim Dellbrücker Forum auf Suche nach der Utopie Objektivität

Von Annette Zellner

 

Köln – Alles läuft auf einen Krieg im Irak zu. Wer möchte, kann sich für den Angriff der USA eine Tüte Chips bereitstellen, sich auf die Couch setzen und den Fernseher einschalten. Doch ist das der Ort, wo man die Wahrheit über den Krieg erfährt? Oder steht sie eher in den Zeitungen? Die objektive Information scheint eine Illusion zu sein. „Es gibt keine Wahrheit“, sagt jedenfalls Sonia Mikich, Leiterin und Moderatorin des ARD-Magazins Monitor. „Jeder manipuliert. Alles ist von Interessen geleitet.“

 

Die Journalistin nahm an einem Streitgespräch im Dellbrücker Forum in Köln teil, es trug den Titel „Alles Lüge? Der Krieg und die Medien“. Mikich diskutierte mit dem Medienwissenschaftler Bernd Gäbler, Geschäftsführer des Grimme-Institutes, und mit einem Mann „der anderen Seite“: Bundeswehr-General Walter Jertz. Er war während des Kosovo-Krieges Sprecher der Nato in Düsseldorf.

 

Sonia Mikich ist eine kriegserprobte Frau, sie wurde für ihre Berichte über Tschetschenien mehrfach ausgezeichnet. „Journalisten sind vor Manipulationen nicht geschützt“, sagt sie. Auch wenn sie an die eine große Wahrheit nicht glaubt, so spricht sie immerhin von „Teilwahrheiten“. Wichtig sei, vor Ort zu recherchieren, mit eigenen Augen zu sehen und sich immer zu fragen: „Wer sind die Quellen? Können wir ihnen trauen?“

 

Mikich provozierte General Jertz mit dem Grundsatz journalistischer Unabhängigkeit, als sie sagte: „Warum sollten wir Ihnen mehr glauben als etwa den Serben?“ Jertz zeigte sich enttäuscht, dass er mit seinen einstigen Feinden gleichgesetzt werde. Zuvor hatte er jedoch den Wunsch nach einem Schulterschluss mit den Journalisten ahnen lassen: Er zeigte sich besorgt über eine „ungezügelte Berichterstattung“, die die Nato-Informationen nicht abwarte. Deshalb könne passieren, dass ein Krieg nicht rechtzeitig beendet werde. Bestimmte Informationen zur falschen Zeit könnten dazu beitragen, dass ein Konflikt verlängert werde. Damit warf Jertz gewissermaßen die Frage auf, ob Journalisten Mitschuld tragen.

 

Schnell zeigte sich in der Diskussion der Graben zwischen Journalisten und Soldaten.„Auch ich bin gegen den Krieg“, sagte Jertz und sprach über Journalisten, die schlecht recherchieren, falsch oder spekulativ berichten. Mit seiner Uniform verkörperte der General jedoch unfreiwillig die Rolle des Kriegers. Das wusste er und warb deshalb um Sympathie: „Ich muss eine Botschaft vermitteln, die nicht einfach ist.“

Medienwissenschaftler Bernd Gäbler warnte davor, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Namen nannte er nicht, doch da nicht an den US-Präsident zu denken, fiel schwer.„Die Wahrheit bei der Berichterstattung entsteht nur über Kontexte“, betonte Gäbler. So sei immer wichtig, Fragen zu formulieren. Der Wissenschaftler fürchtet jedoch, dass der Drang der Medien nach Aktualität wichtige Hintergrundberichterstattung verdrängen könne. Sonia Mikich dazu: „Das ist ein Dilemma, aus dem uns der Zuschauer erlösen kann.“ Hintergrundberichte gebe es durchaus. Doch nur wenige wollten sie sehen.„Die Leute gucken lieber Napoleon.“

 

Gäbler vertrat die Meinung, der Irak-Krieg biete sogar mehr Möglichkeiten zur Hintergrund-Berichterstattung als andere – weil nicht alle westlichen Staaten einer

Meinung seien. Doch noch gibt es diesen Krieg nicht. Deshalb hält Gäbler

vor allem jetzt „Journalismus der Deeskalation“ für wichtig.