Die Kunst fordert Geduld

Beim "Dellbrücker Forum" waren sich die Diskutanten einig: Eine neue Widerstandsbewegung braucht Zeit, im ihre eigenen Texte und Symbole zu finden.
 
Von Sebastian Sedlmayr

Für Jürgen Flimm, den aus Dellbrück stammenden Theatermann, der es zu internationalem Ansehen gebracht hat, war die Frage eigentlich falsch gestellt: "Wie wiederständig ist die Kunst?" Flimm meinte gestern Abend, Kunst sei per se widerständig, sonst wäre sie eben keine Kunst, sondern ein Abklatsch von Kunst oder pure Unterhaltung. Und die anderen Diskutanten auf dem Podium in der evangelischen Dellbrücker Kirche pflichteten ihm bei: Wilfried Schmickler, Kabarettist, Rolf Bringmann, WDR-Redakteur bei den Mitternachtsspitzen, Wolfgang Niedecken, BAP.
Moderator und Veranstalter Arnd Henze, selbst beim WDR mit Außenpolitik beschäftigt, hatte sich nach eigener Aussage lange auf das erste "Forum" gefreut, das sich mit Kunst auseinandersetzen sollte. Und tatsächlich war diese Runde weit unterhaltsamer als die meisten eher trockenen politischen Diskussionen der Vormonate. Es herrschte diesmal auch mehr Einmütigkeit unter den geladenen Gästen. Henze musste sich daher selbst in die Waagschale werfen, um die Diskussion voranzutreiben: Auf den Straßen sei eine neue Protestgeneration zu sehen, die gegen den Irak-Krieg aufsteht. Aber auf der Bühne erlebten sie ein Déjà-vu, nämlich die Protestkultur der 80-er Jahre, mit Reinhard Mey an der Gitarre und Bob Dylan im Repertoire.
Warum diese aus Schülerinnen und Schülern konstituierte neue Friedensbewegung keinen eigenen Ausdruck finde, wollte Henze wissen. Und zunächst fielen die Antworten unterschiedlich aus. Wolfgang Niedecken hielt pragmatische Gründe für Ausschlag gebend. Zeitdruck, Geldmangel, die Eitelkeit von Künstler, die nicht mit bestimmten anderen Künstlern auf der Bühne stehen wollten. Wilfried Schmickler ergänzte, die Friedensbewegung sei "verkümmert" gewesen: "Diese Leute sind jenseits des HipHop und des Rock'n'Roll." Und die Jungen, die nachwachsen, seien noch nicht an der Stelle, an der sie mit übers Programm entscheiden dürften.
Überlegt und klug antwortete schließlich Flimm an die Adresse des Journalisten Henze, der als Stellvertreter seiner Zunft die Prügel einstecken musste: "Ungeduld ist ein typisch journalistisches Phänomen." Aber erst wenn ein Protest zum Allgemeingut werde, gebe es die angemessenen Rituale. Und: Es gibt keinen Automatismus. Auch wenn Niedecken ein Lied gegen den Irak-Krieg schreibe, heiße das noch lange nicht, dass es auch zur Hymne einer Bewegung werde. Damit hatte Flimm den Künstler-Konsens des Abends geliefert, auch wenn Henze versuchte, weiter zu bohren: "Wann läuft sich so ein Protest tot?" Der Protest sei gerade erst im Entstehen, mahnte Flimm wieder zur Geduld, und erhielt dafür Unterstützung von Schmickler, Bringmann und Niedecken. Auf der Domplatte sei es bei den jüngsten Anti-Krieg-Demos so langweilig gewesen, weil die "alten und immer gleichen" Redner "Schnarchnasen" seien, ärgerte sich Schmickler. Doch die jüngere Generation, wenn auch heute noch nicht angekoppelt, werde ihren eigenen Ausdruck finden: "Vertrauen wir auf die Kraft dieser Bewegung."