"Vor dem Kirchentag in Köln: Welche Ökumene wollen wir?"

Ergebnisse einer Diskussion im Dellbrücker Forum

Die jüngste Veranstaltung des Dellbrücker Forums in der Christuskirche fand statt zum Thema „Vor dem Kirchentag in Köln: Welche Ökumene wollen wir?“ Moderator Arnd Henze betonte eingangs, dass „heute abend eigentlich alle Fachleute“ seien. An das Publikum in der gut besuchten Kirche an der Bergisch Gladbacher-Straße gewandt, meinte er: „Sie haben genauso viel Erfahrung in dem Gelingen oder Misslingen der Ökumene wie die Fachleute auf dem Podium.“ Dort saßen Ernst Fey, Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region, Joachim Frank, stellvertretender Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers und katholischer Theologe, Franz Meurer, katholischer Pfarrer in Köln-Höhenberg/Vingst sowie Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Eitelkeiten und Machtansprüche redizieren
Auch wenn sie kontrovers diskutierten, die konfessionellen Unterschiede nicht leugneten und die Betonungen verschieden setzten, in weiten Teilen zeigten sich die Mitglieder der Gesprächsrunde einer Meinung. Etwa darin, dass Ökumene gelebt werden müsse, und auch gelebt werde. Dass man Eitelkeiten und Machtansprüche reduzieren müsse. Dass Toleranz geübt werde, dass Verschiedenheit Anerkennung finde. Dass Ökumene nicht auf Köln beschränkt werden dürfe, dass Ökumene vielfältig sei und man stets die praktische Umsetzung im Blick habe müsse.

„Das Abendmahl kann theologisch nicht trennend sein“
Es sei heute nicht mehr vermittelbar, dass Menschen auf der selben Grundlage nicht zueinander fänden, so Ernst Fey. „Die Leute interessieren nicht mehr unsere theologischen Differenzen. Wichtig und verbindend ist, wie lebe ich als Christ in unserer Gesellschaft. Immer mit der einen, der Wahrheit Jesus Christi.“ Diese Wahrheit habe Bestand auch gegenüber anderen. „Es gibt eine ganze Menge Dinge, die wir gemeinsam haben“, sagte Fey. In seinem Stadtteil habe dies zu einer von der katholischen und seiner evangelischen Kirchengemeinde gemeinsam ratifizierten ökumenischen Erklärung geführt. Er schilderte das große Erlebnis, einen Gottesdienst mit katholischen und evangelischen Christen zu feiern. Das gemeinsame Erlebnis, Gottes Wort zu hören, ohne Provokation das zu machen, was möglich ist. Ökumene müsse demnach handlungsorientiert sein. Sie ist für Fey „eine Art gemeinsamen Handelns im Rückgriff und im Bezug auf Jesus Christus“. Und da vertrete die Katholische Kirche die gleiche Meinung. „Das Abendmahl kann theologisch nicht trennend sein“, betonte er den Wahrheitsanspruch auch der Protestanten. Auch sie befänden sich in der Nachfolge der biblischen Botschaft.

Kirchentag: Gottesdienst mit Meisner und Schneider
„Woran bemessen Sie den Erfolg der Ökumene auf dem Kirchentag?“ fragte Henze Ellen Ueberschär. Dieser werde sich schon am 8. Juni zeigen, nach dem Gottesdienst mit Präses Nikolaus Schneider und Joachim Kardinal Meisner. Er werde zeigen, welche Ökumene möglich ist. Aber Ökumene sei ja mehr, als das Zusammentreffen der christlichen Flaggschiffe. „Ich bin neugierig“, bekannte Ueberschär. Erfolg sei schwer messbar. Dass Ökumene in den Gemeinden wachse, würden die zahlreichen Quartiere belegen, die Kirchentagsbesuchende in katholischen Gemeinden finden werden. Ueberschär hält die Ökumene für den einzigen Weg, auf dem die Christen bestehen können in der Gesellschaft. In einer Welt, in der der Glaube zurückgehe, in der Entscheidungsräume für Sinnfragen gesucht würden.

Ökumene ist doppelt so gut und halb so teuer
„Warum ist in den Stadtteilen Höhenberg und Vingst alles so einfach, was sonst so schwer ist?“ erkundigte sich Henze bei Franz Meurer nach dem „Rezept“ für eine gelingende Ökumene. „Weil Ökumene doppelt so gut und halb so teuer ist“, erwiderte der Pfarrer. Gerade in sozialen, finanziell benachteiligten Brennpunkten sei eine Kooperation unerlässlich. „Bei uns“ sei sie zur Normalität geworden. „Die Praxis, das Heil der Seele, muss das entscheidende Kriterium für Ökumene sein“, betonte Meurer. Wobei das Heil von einer gehörigen Portion Theologie gespeist sein müsse.

Kirchen: Minderwertigkeits- und Allmachts-Komplex
„Wo haben sie zuletzt einen neuen Gedanken zur Ökumene gelesen oder gehört?“ wandte Henze sich an Joachim Frank, katholischer Theologe und Journalist. „Das war 1999 in Augsburg, die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Da dachte ich, das ist es. Aber ich bin von der Praxis ernüchternd eingeholt worden. Da geht es dann um Nichtigkeiten.“ Verständigungsprobleme sieht Frank auch in einem angeblichen Minderwertigkeits-Komplex auf evangelischer, in dem Allmachts-Komplex auf katholischen Seite begründet.

„Ökumene ist auch eine Frage der Mentalität"
Ein Gegenstand der Diskussion bildeten die verschiedenen Traditionen und Stile. Jede Tradition habe die Frage nach der Wahrheit, so Fey. „Wenn die Wertigkeit der Traditionen aller christlichen Religionen relativiert, wäre schon einiges möglich. Für Meurer funktioniert es nicht ohne religiöse Freiheiten. „Was mich an der Ökumene nervt, sind die konfessionskulturellen Sachen, auf die so viel Wert gelegt wird, die Dinge, an denen so viel festgemacht wird“, sagte Ueberschär. „Ökumene ist auch eine Frage der Mentalität“, sagte Frank ím Hinblick etwa auf seine münsterländische Heimat. Gleichwohl stelle sich die Frage, ob ein Wandel oder Abschleifen von ureigenen Traditionen überhaupt wünschenswert sei.

Fey: Gemeinsam handeln "auf sozialem Gebiet"
Zum Thema Streitkultur äußerte Fey: „Wir können sagen: Streiten wir uns nicht über Theologie, handeln wir gemeinsam auf sozialem Gebiet.“ Dann schaue man sich zusammen die Probleme an – und stoße etwa auf Abtreibung, Stellung der Frauen, Schwulen und Lesben. Da werde Ökumene schnell ganz schwierig, sprach Fey von einem sehr komplexen Thema, das nicht auf einen Nenner zu bringen sei ohne eine theologische Basis.

Sich gegenseitig nutzen und "positiv rüberkommen"
"Vielfalt ist Bereicherung“, stellte Meurer fest. „Wir müssen uns als Religionen gegenseitig nutzen“, bezog er sich auch auf nicht-christliche Konfessionen. „Wir müssen dafür sorgen, das Religion positiv rüberkommt. Wir müssen fragen, was nützt dem Menschen, um im Glauben zu wachsen.“ Kirchenrechtlich könne man die meisten interkonfessionellen Probleme lösen, wenn es den Menschen nützt, nannte er beispielsweise die Frage von nicht-katholischen Taufpaten. Frank betonte die Bedeutung einer Struktur in der Kirche. Einer übergreifenden Struktur, die sich nicht auf einzelne Intellektuellen- oder Politikerkreise beschränke. Ueberschär verteidigte die Kirche als Institution. Woanders würden religiöse Gruppierungen ohne öffentliche Gestalt von Gemeinschaft eher nur dahin wabern. Meurer sagte, das Amt habe in der Katholischen Kirche seine Berechtigung nur als Dienst, sonst keine.

Bewahrung der Schöpfung wieder in den Mittelpunkt
In den achtziger Jahre hätten die Kirchen eine große Mobilisierungskraft entfaltet bei Themen wie der Bewahrung der Schöpfung, so Henze. „Was ist daraus geworden?“ Stimmt, meinte Fey, die Frage des Friedens, Umweltfragen hätten uns zusammengeschweißt. Nicht nur Probleme untereinander hätten dann wieder zu einer Lockerung geführt, sondern auch eine Verschiebung der Schwergewichte in der Gesellschaft. Nach wie vor würden aber viele Menschen anmahnen, etwa die Themen Globalisierung und Bewahrung der Schöpfung wieder in den Mittelpunkt zu rücken. „Warum sind wir nicht an der Spitze der Bewegung?“ fragte Henze. “Kirche ist Teil der Gesellschaft“, erklärte Frank. Und diese Themen seien auch in der Gesellschaft wieder versackt. Zusammenhänge seien verloren gegangen. Gehe es den Protestanten wie den Grünen, provozierte Henze, gebe es also einen „Protestantismus des Bildungsbürgertums?“. Fey reagierte: „Das ist unser großes Problem. Wir haben soziale Probleme angepackt, da haben andere geschlafen. Wir haben vor dreißig, zwanzig Jahren schon Gottesdienste gemacht zum Thema gefährdete Umwelt. Da haben sie uns ausgelacht.“ Die Evangelische Kirche habe sich immer auch Brennpunktthemen angenommen. Ueberschär glaubt, dass die Bewegung für Frieden und zur Bewahrung der Schöpfung sehr erfolgreich gewesen sei. Aber natürlich sei auch auf diesem Gebiet ein Generationenwechsel und eine Veränderung der Kommunikationswege zu beobachten. Gleichwohl bleibe das Thema aktuell. „Junge Leute, die sich heute dafür interessieren und einsetzen, sitzen am Computer, vernetzen sich auf eine andere Weise.

Spiritualität lässt die Menschen zu ihrer Mitte finden
In der Evangelischen Kirche vermisst Ueberschär ein starkes spirituelles Gegengewicht, das auf katholischer Seite von den Orden gebildet werde. Daher finde sie es nicht schlimm, dass die Evangelischen Kirchentage spiritueller geworden seien. Spiritualität lasse die Menschen zu ihrer Mitte finden. „Ich sage mal ganz kritisch“, so Meurer, „die Spiritualität ist eine Notlösung, weil man sich nicht klar werden will.“ Es gehe um drängende soziale Fragen. Um das praktische Handeln. „Wer bei uns nicht mit anpackt“, schilderte er die Situation in seiner Pfarrgemeinde, der sei nicht erwünscht. Auf Leute, die nur bestimmen und delegieren wollten, könne man verzichten. „Wir sind gar nicht weit voneinander entfernt“, so die Generalsekretärin zu Meuer. Vielleicht nehme er die für Ueberschär zweifellos große Spiritualität in seiner Arbeit nur nicht mehr wahr.

Ungewöhnlicher Vorschlag: Protestanten auf katholische Pfarrstellen
Alles werde unwichtig gegenüber der Taufe, forderte ein Gast, toleranter miteinander umzugehen. Christen sollten gemeinsam mit Muslimen und Juden an einem Tisch sitzen. Ökumene könne nur wachsen, wenn klar sei, „was wichtig ist“, beteiligte sich ein weiblicher Gast an der Diskussion. „Die Taufe ist unsere gemeinsame Grundlage des Glaubens. Es geht allein um das Hineingenommensein in den Glauben. Durch die Taufe wird alles ziemlich einfach.“ Traditionen seien da Nebensächlichkeiten. Ein anderer Zuhörer sprach von einer zweigeteilten Ökumene. Einer Ökumene auf Gemeindeebene sowie einer höheren Ebene, wo das Trennende und das Gemeinsame toleranter angesprochen werden müssten. „Ich fände eine Tauferneuerungsfeier schön“, wünschte sich ein weiterer Gast ein Zusammenwachsen, und ein Achten auf die Unterschiede. „Bitte keine Tauferneuerungsfeier“, reagierte ein evangelischer Pfarrer. Man wisse um unsere Gemeinsamkeit der Taufe, „lassen wir es dabei“, befürchtet er weitere offizielle Regulierungen. Eine andere Protestant mahnte, die Unterschiedlichkeit beider Konfessionen nicht zu verdrängen. Zudem stellte er fest: „Wir neigen zur Devotheit gegenüber der katholischen Kirche.“ Bezug nehmend auf Henzes Bitte, auch über die Ökumene zu sprechen, die wir wollen, nicht nur über die, die wir dürfen, äußerte ein katholischer Besucher eine außergewöhnliche Idee zur Lösung des Problems Priestermangel. Er schlug vor, offene Pfarrstellen in der katholischen Kirche mit Stellen suchenden evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrern zu besetzen.