Kunst und Protest

 

Vier Kölner Prominente begrüßte Arnd Henze in der Reihe „Dellbrücker Forum“ in der Christuskirche: Wolfgang Niedecken, Gründer und Sänger der Kölsch-Rock-Band BAP, Wilfried Schmickler, ehemals „3 Gestirn Köln 1“ und als Kabarettist vor allem durch die „Mitternachtsspitzen“ über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, Rolf Bringmann, Redakteur der „Mitternachtsspitzen“ und stellvertretender WDR-Unterhaltungschef, sowie Jürgen Flimm, Regisseur und Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele. Für Flimm war es ein Heimspiel: Seine internationale Bühnenkarriere begann er vor mehr als 50 Jahren beim Krippenspiel in der Christuskirche und als Mitglied der evangelischen Laienschauspielgruppe Köln-Dellbrück.

Wohlwissend, dass allein die bekannten Namen schon Massen anlocken würden, zogen die Veranstalter diesmal die Christuskirche als Versammlungsort dem kleineren Gemeindezentrum vor. Knapp 300 Interessierte fanden so ihren Sitzplatz. Weniger vorhersehbar war die inhaltliche Aktualität des Abends, der unter dem Motto „Wie widerständig ist die Kunst?“ stand und schon vor einem halben Jahr vorbereitet worden war.

Angesichts des Irak-Krieges hielten sich die Podiumsgäste nur kurz bei den grundsätzlichen Aspekten des Themas auf. Flimm erinnerte daran, dass schon „Die Perser“ von Aischylos „widerständig“ waren und dass Theater immer eine andere Perspektive auf die zurzeit vorherrschende Situation zeige. Schmickler und Bringmann machten deutlich, dass das Kabarett der Gesellschaft zu allen Zeiten einen Spiegel vorhalten müsse.

Schnell lenkte Moderator Henze die Fragen auf die scheinbar wieder erwachte Friedensbewegung und die zahlreichen Anti-Kriegs Demonstrationen in Köln. Warum dort immer nur die alten Lieder gesungen werden und der Funke nicht überspringe, wollte er von den Künstlern wissen. „Da ging es darum, viele Leute zusammenzubringen, die gegen den Krieg protestieren, und mehr nicht“, antwortete Niedecken. In Köln habe sich kein Demo-Veranstalter die Mühe gemacht, vorher ein aufwändiges Programm zusammenzustellen. Dies sei auch eine Frage der Kosten und der Logistik, „und nicht so einfach, wie es aussieht“, so der BAP-Sänger. Das Bühnenprogramm der „Arsch huh AG“ vor mehr als zehn Jahren auf dem Chlodwigplatz sei nur finanzierbar gewesen, „weil wir vorher zusammen die CD gemacht haben, die zur Hymne wurde, das hat funktioniert.“

Dass auf der Straße keine neuen Lieder gesungen werden, läge daran, dass die „jungen Leute, die neue Lieder beisteuern könnten, in dieser Szene nicht drin sind“. Daran müsse man etwas ändern. „Die Friedensbewegung ist in den letzten zehn Jahren verkümmert“, meinte auch Schmickler, „die jungen Leute, die jetzt auf die Straße gehen, reden noch nicht beim Programm mit.“ Flimm mahnte zu mehr Geduld. Auch die Protestbewegung der 1980er habe erst wachsen müssen: „Dass dieser schreckliche Krieg die ganzen jungen Leute auf die Straße gebracht hat, ist ein ganz toller Anfang“, so Flimm, „zumal bei einer Generation, von der wir dachten, dass sie sich nur für schicke Klamotten und SMS interessiere.“ Er liebe schicke Klamotten und SMS sei eine „scharfe Sache“, räumte Flimm ein und sorgte damit für Lacher im Publikum.

Der Frage des Programms maß er keine so große Bedeutung zu: „Die gehen nicht zur Demo, um Spaß zu haben, sondern weil sie protestieren wollen und nicht damit da die Post abgeht.“ Bringmann pflichtete ihm bei: „Schon 1968 haben wir bei einer Demo nicht gefragt, was Böll oder ein alter Musiker uns zu sagen haben, sondern wir sind aus politischen Gründen hingegangen.“ Schmickler allerdings gab Moderator Henze in seiner Einschätzung recht, dass sich die Leute in den vergangenen Wochen schon bei der dritten Demo auf der Kölner Domplatte gelangweilt hätten. Die Schuld gab der Kabarettist den Rednern, „alles alte selbstverliebte Schnarchpillen“. Junge Leute hätten leider keinen Platz auf der Bühne. Dabei wäre ihm eine vielleicht unsichere aber engagierte Schülerin am Mikrofon viel lieber. „Die jungen Leute haben starke Symbole und eine klare Sprache, sie haben nur nicht die Netzwerke, um sich zu organisieren.“

Während Niedecken sich sorgte, wie das wieder erwachte Interesse am Frieden aufrecht erhalten werden könne, forderte Schmickler mehr Zuversicht:

„Die neue Protestkultur entwickelt sich gerade erst. Wir sollten Vertrauen in sie setzen und da, wo es angebracht ist, unseren Beitrag leisten.“