Die Kunst des Protests

Beim Dellbrücker Forum ging es um die Kunst, den Frieden - und das Alter.
„Wie widerständig ist die Kunst?“ Eine Frage, die viele Menschen zu bewegen scheint. Denn die Christuskirche an der Bergisch Gladbacher Straße war rappelvoll am Donnerstagabend, als Arnd Henze, Initiator des „Dellbrücker Forums“, seine Gäste - Regisseur Jürgen Flimm, Sänger Wolfgang Niedecken, Kabarettist Wolfgang Schmickler und Rolf Bringmann, beim WDR verantwortlich für die Mitternachtsspitzen - begrüßte. Für Jürgen Flimm übrigens ein besonderes Wiedersehen. Ende der 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts begann er hier seine Karriere mit einem Krippenspiel.

Der Irak-Krieg habe dem Abend eine neue Aktualität gebracht, sagte Henze und wollte von seinen Gesprächspartner wissen, ob es eine neue Protestbewegung gebe, eine neue Protestkultur - und ob die Form des Protestes noch zeitgemäß sei. Kunst habe immer politische Inhalte, ob die Künstler auch immer politisch sind, sei eine andere Frage, entgegnete Flimm. Theaterleute hätten es viel schwerer als beispielsweise Kabarettisten, schnell zu reagieren. Wolfgang Schmickler hatte am Abend nach den ersten Bomben auf Bagdad in den Mitternachtsspitzen darauf reagiert, meinte aber: „Ich verstehe die Aufregung nicht, überall fallen Bomben. Was soll der Druck »Jetzt musst du was ganz Wichtiges machen«?“ Bringmann gab zu bedenken, dass man in solch einer Situation alles anders wahrnehme, ob Buch, Kabarett oder Theater.

Bei den Friedenskundgebungen seien völlig neue, sprich sehr junge, Demonstranten auf der Straße, gesungen würden aber die Lieder der 80er Jahre-Proteste, monierte Henze, von den Protagonisten der 80er, in Berlin etwa Hannes Wader, Konstantin Wecker und Reinhard Mey. „Da hat keiner groß überlegt, was soll da stattfinden. Hauptsache, es sind möglichst viele Leute auf der Straße“, hielt Wolfgang Niedecken dem entgegen. Es seien sicher genug junge Leute da, die was zum Thema zu sagen hätten, nur fehle der Kontakt zur Szene. Auch Schmickler regte sich über selbst verliebte Redner auf. „Ich höre lieber einer aufgeregten Schülerin zu als immer dem selben Schnarchsack.“ Wobei ihn die Radikalität der Jugend irritiere: „Ich würde das so nicht formulieren.“

Jürgen Flimm vermisste gar keine neue Symbolkraft, und es könne ja wohl nicht sein, dass bloß der Popularität willen „Marius da steht und »Freiheit, Freiheit« singt“.

„Wir sind einfach zu alt“, betonten die Männer auf dem Podium immer wieder, waren aber guter Hoffnung, dass aus den Schülerdemonstrationen auch eine Schülerdemonstrations-Kultur entstehen werde. Das brauche nur seine Zeit. Viel Zeit ging an diesem Abend auch drauf für die Erinnerungen, etwa wie Wolfgang Niedecken für seine ersten Auftritte gestritten, seine ersten Verträge ausgehandelt habe. Jürgen Flimm sah dagegen optimistisch in die Zukunft: „Die jungen Leute denken nicht nur an schicke Jacken, das neueste Handy und die schnellsten SMS. Sie haben Kraft und Lust, sich zu äußern. Und sie werden auch ihre Texte und Lieder haben.“

In der anschließenden Diskussion relativierte sich das Gerede ums Alter dann wieder ein wenig: „Ist es nicht beglückend, dass der Protest gegen den Krieg Generationen übergreifend ist“, fragte eine ältere Besucherin. Und erntete wohl den stärksten Applaus des Abends.


(KStA)