"Sieg gegen den Frieden"

Dellbrücker Forum beurteilt Iraks Zukunft mit Skepsis

Kölner Stadtanzeiger vom 10.5.2003

 

von Günter Otten

 

Nach wie vor fehlt im Irak die nötige Sicherheit, damit sich eine neue Zivilgesellschaft entwickeln kann.

 

Der Sieg ist da, aber ob der Frieden in Bagdad einkehren wird, so wie die Dinge derzeit laufen, ist höchst fraglich. Auf diesen Nenner kamen alle drei Experten, die im Dellbrücker Forum, der Diskussionsrunde der Evangelischen Kirchengemeinde Dellbrück, über die Folgen des Irak-Krieges sprachen.

"Für die Menschen ist der Frieden nicht erreicht, es wird überall weiter geschossen, auch in Bagdad", berichtete Elias Bierdel, Vorsitzender der Hilfsorganisation Cap Anamur, gerade aus Bagdad zurückgekehrt.

"Es stehen nur an wenigen Punkten Panzer. Was dazwischen ist, können

die Soldaten nicht kontrollieren."

Cap Anamur betreibt inzwischen ein Krankenhaus in Bagdad und erlebt dort, dass immer mehr Verletzte mit Schusswunden eingeliefert werden. "Es sind Kämpfe zwischen Plünderern und Milizen, Schießereien zwischen ethnischen Gruppen oder auch gezielte Provokationen in

Richtung der US-Truppen", hat Bierdel erfahren, "es ist nicht vorbei, und viele in Bagdad haben das Gefühl: Es kommt noch etwas Böses auf uns zu." Da von Irakern immer wieder berichtet wird, die amerikanischen Soldaten hätten Plünderungen nicht verhindert, sondern sogar unterstützt, und da die humanitären Helfer kaum Hilfe durch das Militär

erhalten, vermutet Bierdel sogar politisches Kalkül: "Aber wenn denen wirklich egal ist, was passiert, was soll dann daraus werden", fragte er ratlos in die Dellbrücker Runde.

 

Wenig hoffnungsvoll zeigte sich auch Walter Stützle, bis Mitte Oktober 2002 Staatssekretär im Verteidi gungsministerium: "Hier wird für eine ganze Generation ein Amerikabild zerstört; sie erlebt, dass die UN-Charta ausgerechnet von Amerika mit den Füßen getreten wird." Vor allem in der arabischen Welt werde das Bild westlicher Kultur weiter beeinträchtigt. "Das ist ein Sieg gegen den Frieden", sagte Stützle und

verschärfte damit die Ausgangsfrage, die der Journalist Arnd Henze vorgegeben hatte: "Sieg ohne Frieden?" Die einzige Chance, die Europa habe, sich gegen die Vormacht der USA zu behaupten, sei eine Zusammenarbeit, die mit einer Geschlossenheit Frankreichs, der Benelux-Staaten und Deutschlands beginnen könne. Diese Stimme werde

dann auch in den USA gehört. Das Treffen Frankreichs, Belgiens, Luxemburgs und Deutschlands sei ein Anfang gewesen, auch wenn es als "Pralinengipfel" verniedlicht wurde. "Jedenfalls ist das besser als ein Bombengipfel", sagte Stützle.

 

Vor "Scheindiskussionen" warnte der Duisburger Friedensforscher und Nahost-Experte Walter Hippler. Dass der Krieg "so schlimm gar nicht gewesen" sei, lenke vom Hauptproblem ab: Entscheidend sei nun die Lösung der Machtfrage im Irak, und dabei sah Hippler viele beunruhigende Entwicklungen. "Eine Zivilgesellschaft kann man nur mit

funktionierenden Parteien aufbauen, aber das braucht nun Zeit, um sich zu entwickeln." Und vor allem Sicherheit, wie Bierdel verdeutlichte: "Derzeit ist das eine brutalisierte Gesellschaft, jeder hat eine Waffe".

Kriegszerstörungen seien kein großes Problem. "Bagdad ist keine Ruinenlandschaft. Das Elend ist das Elend der Verarmung, die sich in

den vergangenen zwölf Jahren entwickelt hat."