Ein Job, den Sisyphos abgelehnt hätte :

Die Arbeit von Cap Anamur im Irak

Beitrag in der Sendung Weltspiegel der Deutschen Welle am 9.Mai 2003

 

Anmoderation :

 

Ortswechsel. Wir blicken in den Irak, wo derzeit ein Zustand des Nicht-Krieges aber kein wirklicher Frieden herrscht. Eine schwierige Situation für die Menschen im Land und eine große Herausforderung für die internationalen humanitären Organisationen, die im Irak arbeiten. Eine davon ist das Notärztekomitee Cap Anamur. Deren Vorsitzender Elias Bierdel ist vor kurzem aus Bagdad nach Deutschland zurückgekehrt. Patrick Schmelzer hat ihn in Köln getroffen und mit ihm über die Arbeit des Notärztekomitees gesprochen.

 

Text :

Es war ein gefährlicher Weg zu einer gefährlichen Mission. Das Team von Cap Anamur starte an Ostern sein Projekt im Irak.  Zwei Ärzte, ein Krankenpfleger und ein Techniker sind mit dem ersten Hilfstransport der Organisation ins Land gereist. Gekommen sind sie über eine sehr unsichere Strasse von Jordanien aus, auf der ewig weit und breit kein internationaler Soldat zu sehen ist. Ein riskantes Unternehmen. Die Menschen im Irak sind arm und überall kursieren Waffen.  Die Fahrt verlief schließlich ohne Zwischenfälle und das Team erreichte sein Ziel : ein Kinderkrankenhaus in Saddam City, einem stark schiitisch geprägten Teil von Bagdad. 320 Betten hat das Kinderkrankenhaus. Es ist das einzige Kinderkrankenhaus in einem Stadtteil, in dem 3 Millionen Menschen leben und es fehlt an so ziemlich allem, was ein normaler Betrieb braucht, wie Elias Bierdel, der Vorsitzende des Notärztekomitees berichtet :

 

O-Ton Bierdel :

"Wir haben es hier zu tun mit Kleinkindern, mit Neugeborenen zum Beispiel, die aufgrund von Fehlernährungen oder etwa Infektionskrankheiten ganz furchtbar geschwächt sind. Und da fehlt es an ganz primitiven medizinischen Mitteln, um ihnen über lebensbedrohliche Erkrankungen hinwegzuhelfen. Also wir haben beispielsweise Mineralsalze dorthin gebracht oder Infusionen zum "Auffüllen der Kinder" - so heißt das tatsächlich medizinisch. Das größte Problem ist aber wirklich, dass die Ärzte nicht vorhanden sind und ihren Dienst einfach nicht wahrnehmen in den Krankenhäusern. Deshalb sind die Stationen völlig unbeaufsichtigt  und wir müssen deshalb für die großen Krankenhäuser ganz dringend weitere Ärzte ins Land bringen."

 

Text:

Zwei weitere Ärzte werden von Deutschland aus in der kommenden Woche für Cap Anamur nach Bagdad gehen und Bierdels Team will versuchen, weitere lokale Mediziner zu rekrutieren. Die Abwesenheit der irakischen Ärzte hat eine Vielzahl von Gründen, erklärt der Vorsitzende von Cap Anamur :

 

 

O-Ton Bierdel :

"Uns werden drei Gründe genannt, warum das Personal nicht am Arbeitsplatz ist . Erstens : Angst. Es gibt keine Sicherheit in dieser Stadt und speziell in diesem Teil der Stadt. Denn da sind weder amerikanische Soldaten, noch Polizei, noch sonst irgendwer und jeder hat eine Waffe. Es toben Machtkämpfe auch in der Klinik und um die Klinik herum. Viele Ärzte kommen also schlicht aus Angst um ihr Leben nicht. Zweitens : Transport. Es gibt keine Möglichkeit zum Dienst zu gelangen. Es gibt keine Fahrzeuge und es gibt keinen Sprit. Und Drittens :  Geld. Die Menschen dort haben über all die Jahre des Embargos hinweg kein richtiges Gehalt mehr bekommen. Die Inflation hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass ein Arzt im Krankenhaus umgerechnet gerade mal ein Monatsgehalt von fünf Dollar hatte. Die absolute Armutsgrenze nach UN-Definition liegt bei einem Dollar verfügbares Einkommen pro Tag. Und da haben wir jetzt Ärzte, die fünf Dollar im Monat bekommen haben. Und davon kann niemand leben -  auch im Irak nicht. Die haben aber auch Familie und müssen irgendwie Geld verdienen. Die arbeiten dann vielleicht als Übersetzer für Journalisten oder als Taxifahrer oder als sonst irgendwas - aber ganz bestimmt nicht als Ärzte, weil sie sich das nicht leisten können."

 

Bierdel und sein Cap Anamur-Team in Bagdad versuchen nun, die Ärzte wieder in die Krankenhäuser zu bekommen. Die Zahlung von Gehältern durch Cap Anamur soll die irakischen Ärzte wieder dazu bringen, ihrer eigentlichen Tätigkeit nachzugehen. Ein organisierter Bus-Shuttle soll das Transportproblem lösen. Doch eine Sache kann Cap Anamur nicht anpacken : das Sicherheitsproblem. Und das ist jeden Tag noch auf den Strassen von Bagdad zu bemerken.

 

 

O-Ton Bierdel :

" Es wird geschossen - eigentlich ständig. Vor allen Dingen aber nachts. Es ist ganz klar : nach 18 Uhr kann man sich nicht mehr im Projekt aufhalten. Und in einem Krankenhaus müsste man eigentlich über Nacht bleiben. Das können wir auf keinen Fall verantworten. Anweisung ist also : Raus aus dem Krankenhaus !! Zurück in ein anderes Wohnviertel in Bagdad !

Trotzdem auch auf offener Strasse am helllichten Tage wird geschossen. Menschen können dort Waffen auf den Märkten kaufen - irgendwo am Strassenrand. Die Waffen werden auch sofort ausprobiert. Und kürzlich ist unser Team dazu gekommen, als jemand auf offener Strasse exekutiert wurde. Wir kennen den Hintergrund nicht. Fest steht nur : der amerikanische Posten stand 200 Meter weiter und hat angestrengt weggeschaut."

 

Unterstützung von der US-Armee bleibt auch gegenüber Cap Anamur aus. Ja, sogar das Gegenteil ist der Fall. Es gibt Konflikte zwischen Helfern und Soldaten. Cap Anamur hat es aus seiner strengen Distanz zum Militär heraus abgelehnt, sich dem Lizenzierungsverfahren der US-Armee zu unterwerfen. Ähnlich dem Konzept der "eingebetteten Journalisten" nimmt die amerikanische Armee nämlich auch die Hilfsorganisationen an eine kurze Leine. Ein Konzept, dem sich Cap Anamur nicht unterwerfen will. Bierdel und seinem Team wurde deshalb bereits von US-Militärs mitgeteilt, dass ihre Arbeit als illegal betrachtet werde und die GI´s ihre Kliniken bald schließen und ihr Material beschlagnahmen würden. Für Bierdel trotzdem kein Grund zur Sorge :

 

O-Ton Bierdel:

"Das nehme ich nicht besonders ernst. Denn da wo wir arbeiten, trauen sich die Amerikaner in der Regel gar nicht hin."