Bedürfnis nach mehr Streit


Emotionsgeladen diskutieren Vertreter von Religionsgemeinschaften und der CDU-Bundespolitiker Wolfgang Bosbach beim "Dellbrücker Forum" über das Kopftuch-Verbot an Schulen in Deutschland


VON ALINA FICHTER
Kopftuchträgerinnen, Geistliche, Pensionäre und Studierende: Allen brannte die Frage unter den Nägeln, wie viel Religion der deutsche Staat verträgt, sprich: ob Lehrerinnen an Deutschlands Schulen das Recht zugestanden werden soll, mit Kopftuch zu unterrichten. Rappelvoll war die evangelische Christuskirche in Köln beim "Dellbrücker Forum" am Donnerstag Abend, als sich Vertreter aus Politik und Religion unter Leitung von WDR-Redakteur Arnd Henze zum Thema "Kopftuch, Kreuz und Kipa: Wieviel Religion im Staat?" stritten.
Für den stellvertretenden CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Wolfgang Bosbach aus Bergisch Gladbach war die Antwort klar: Kreuze in Klassenzimmern ja, Kopftücher nein. Seine Widersacher auf dem Podium fand Bosbach in Manfred Kock, bis vor kurzem Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, und der syrischstämmigen Nadja El-Ammarine, islamische Frauenrechtlerin und Sozialberaterin im "Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen" in Köln. Beide verteidigten das Tragen von Kopftüchern im Klassenzimmer.
Keine Privilegien
Micha Guttmann, Journalist und ehemaliger Generalsekretär des Zentralrats der Juden, stimmte dem CDU-Abgeordneten Bosbach zwar darin zu, dass Kopftücher im Staatsdienst nichts verloren hätten. Er sähe aber gerne jede Ideologie und Religion aus staatlichem Handeln zurückgedrängt: "Je stärker der Laizismus in einem Land ausgeprägt ist, desto freier dessen Bürger."
Manfred Kock widersprach ihm: "Jeder Lehrer hat doch eine Weltanschauung, die ruhig erkennbar sein darf." Kock legte besonderen Wert darauf, dass dabei keine Religion privilegiert werden dürfe. Suspendierungen von Lehrern oder Lehrerinnen sollten personenbezogen, nicht symbolbezogen stattfinden.
Zurufe und Applaus erntete Bosbach für seine Aussage, dass ihm der Vergleich des Kopftuches mit dem Kreuz völlig unverständlich sei. "Das Tuch ist doch Sinnbild für die Unterdrückung der Frau und für fehlende Gleichberechtigung." Kopftuchträgerinnen grenzten sich bewusst von der deutschen Mehrheitsgesellschaft ab und hemmten damit ihre eigene Integration, so der CDU- Politiker.
Selbständigkeit verweigert
Diplom-Pädagogin El-Ammarine sah die Schwierigkeiten der Integration anderswo: "Verschleierte Frauen, die in Deutschland Arbeit suchen, finden doch allenfalls eine Stelle als Putzfrau", stellte sie fest. Damit werde ihnen die Selbständigkeit verweigert, sie hingen vom Verdienst des Ehemannes ab. "Dabei trage ich das Kopftuch einfach deswegen, weil ich das Haar einer Frau als ihre Intimsphäre ansehe."
Mehrmals musste Moderator Arnd Henze hitzige Gemüter aus dem Publikum mahnen, polemische Zwischenrufe zu unterlassen. Das Forum verlief auffallend emotional. "Ich habe heute Abend jeden beneidet, der wusste, an welchen Stellen er klatschen sollte", resümierte der "Forum"-Organisator am Ende der Veranstaltung. Ein öffentliches Streitgespräch über die Rolle der Religion im Staat sei offenbar vielen ein Bedürfnis.
taz Köln Nr. 7314 vom 20.3.2004, Seite 4, 103 Zeilen (TAZ-Bericht), ALINA FICHTER