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Beitrag/Sprecher:  Jochen Pahl

 

Dellbrücker Forum: "Wie widerständig ist die Kunst?"

 

Anmod.: Jeden Monat findet in der Dellbrücker Christuskirche ein Gesprächsforum zu Themen aus Gesellschaft und Politik statt. Diesesmal sorgte Prominenz aus der Kölner Kulturszene für eine rappelvolle Kirche. Jochen Pahl hat sich nach der Diskussion mit den Gästen unterhalten. 

  

Sprecher:

Leichte und ernste Muse haben sich im Dellbrücker Forum getroffen, um darüber zu diskutieren, wie widerständig die Kunst ist. Eigentlich eine rhetorische Frage, die der Moderator des Forums, Arnd Henze stellte, denn für alle vier Gäste war klar, dass echte Kunst immer etwas mit Widerstand gegen den Mainstream zu tun hat. Der Theatermensch Jürgen Flimm, gebürtiger Dellbrücker und gerade Leiter der Salzburger Festspiele, legt aber Wert auf die vielen Nuancen:

 

Flimm:

Nun hat das verschiedene Abstufungen. Nun können sie mal überlegen, wie widerständig Matisse ist, wie widerständig der war - Van Gogh war schon wesentlich widerständiger, wahrscheinlich. Das hat verschiedene Abstufungen. Manches geht auch ganz nah an die Sache ran. Bach war nicht sehr widerständig, weil er sich sozusagen im Einklang fand mit der damaligen Situation. Shakespeare war auch nicht sehr widerständig, der wusste genau, wann er seine Kurve drehen musste. 

Das kann man nicht so verallgemeinern. Es ist immer im Kern etwas drin, was auf Humanität verweist. Und da wir wissen,die Zeiten nie human waren, ist das immer der Widerstand. Aber es hat verschiedene Ausformungen für verschiedene Stufen.

 

Sprecher:

Wilfried Schmickler, Kabarettist und der Mann fürs Grobe in der WDR- Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen", formuliert etwas pointierter:

 

Schmickler:

Es gilt prinzipiell, dass nur das Kunst ist, was irgendwie im Widerspruch zu dem steht, was passiert. Ob es jetzt so explizit politisch ist und man sagt: ich bezieh ne politische Position - das muss gar nicht so sein. Es geht darum, dass man auch von der Form, von dem herrschenden Trend, dass man dagegen ist dass man da was Positives, Neues findet. Das ist Kunst, alles andere ist Deko.

 

Sprecher:

Und weil gerade der Krieg im Irak tobt diskutierten die Gäste auch über die aktuelle Protestkultur. Die schon leicht ergrauten Herren auf dem Podium haben alle noch Erinnerungen an die wilden Sechziger und Siebziger Jahre und fühlen sich der Handy und SMS-Generation nicht mehr allzu verbunden. Der WDR-Redakteur Rolf Bringmann, zuständig für die Mitternachtsspitzen sieht die neue Bewegung trotzdem positiv:

 

Bringmann:

So wie meine Generation - also ich hab' 64 Abitur gemacht, also ich kann sagen, dass ich zu den Achtundsechzigern gehöre - so wie wir damals unsere Ausdrucksformen gefunden haben, so hat die jetzige, junge Generation ihre Ausdrucksformen und wir sollten nicht so arrogant sein, zu glauben, wir könnten die bestimmen - oder wir wären aufgerufen, die Formen und die Lieder und die Texte dazu zu schreiben.

Wir können uns glaub' ich sehr gut daran erinnern, wie das in den Sechziger, Siebziger Jahren war und wissen daher, dass das eine Eigendynamik hat, wo man als Erwachsener, also als Älterer, zusehen muss, dass man seine Rolle da noch spielt, dass man seine Erfahrung weitergibt.Aber dass man nicht glaubt, man könnte den Karren ziehen.

 

Sprecher:

Und wenn man sich beteiligt, dann soll die Beteiligung wenigstens professionell sein. Denn, da sind sich auch alle einig: das Gegenteil von gut gemachter Kunst, ist gut gemeinte Kunst. Der BAP-Sänger  Wolfgang Niedecken kann davon ein Lied singen:

 

Niedecken:

Ich muss halt aufpassen, dass ich da mitmache, wo es nen Sinn macht und muss halt aufpassen, dass ich mich nicht inflationiere. Das ist das einzige, wo ich halt wirklich aufzupassen habe und die Infrastruktur muss professionell sein dabei. Es hat überhaupt keinen Sinn, auch wenn Lieschen Müller das nie verstehen wird, wenn wir uns bei ner schlecht organisierten Demo nur mit gutem Willen da vorne hinstellen, und kein Schwein hat was davon. Das ist eher ne Katastrophe, keiner hört was vernünftig und das ganze Programm ist diletantisch zusammengeschustert und besteht nur aus gutem Willen. Also ich hab nen professionellen Anspruch an das, was ich tue und deshalb muss ich den auch übertragen auf so 'ne Veranstaltung.

 

Abmod.: Das war Jochen Pahl im Gespräch mit den Gästen des Dellbrücker Forums zum Thema "wie widerständig ist die Kunst?"