Atomkraftwerke als Rettungsringe für den Klimaschutz? Nein!
Streitgespräch über Energiesicherheit im Dellbrücker Forum
 

VON VERA HÖLSCHER

Köln (15.03.07) - Beim Dellbrücker Forum diskutierten Politiker und
Energieexperten über die kontroverse Frage  Mit Kernkraft für das Klima?
. Dabei standen sich zwei verschiedene Positionen gegenüber: einerseits
die Aufrechterhaltung von Atomenergie bis zur vollständigen Entwicklung
von Alternativen und andererseits die Ablehnung der Kernenergie mit der
Forderung nach intensiveren Forschungen und Investitionen in
regenerative Energien.
Während die CDU-Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen und Eberhard Meller
vom Energie-Verband die Meinung vertraten, dass Kernenergie in der
heutigen Zeit, in der es noch keine zuverlässigen technologisch
ausgearbeiteten Alternativen gebe, der  Rettungsring  des Klimaschutzes
und somit notwendig sei, zeigte sich der Grünen-Bundestagsabgeordnete
Reinhard Loske als vehementer Gegner der Atomenergie. Sie stehe dem
Klimaschutz im Wege, da durch die Laufzeitverlängerungen der Kraftwerke
Investoren für erneuerbare Energien abgeschreckt würden. Für Holger
Krawinkel von der Verbraucherzentrale hingegen galt es zuerst an den
Punkten beim Energiesparen anzusetzen, die die Regierung noch nicht
gelöst hat, bevor man über die Zukunft der Atomenergie sprechen
könne. Dazu gehört Krawinkel zufolge zum Beispiel die Abschaffung der
Stand by-Funktion und eine bessere Wärmedämmung der Wohnungen und
Häuser.  Zuerst einmal sollte dafür gesorgt werden, dass unsere Buden
dicht gemacht werden.
Als Argument für die Notwendigkeit von Atomenergie führte Heinen an,
dass von dem Atomkraftwerk Biblis A zwei Drittel des Strombedarfs in
Hessen gedeckt würden, was das Land im Falle einer Abschaltung des
Reaktors vor ein großes Problem stellen und lediglich dazu führen würde,
dass die Stromversorgung von tschechischen Atomkraftwerken bezogen
würde. Loske betonte jedoch, dass Deutschland Exporteur und nicht
Importeur von Strom sei und erklärte, dass die Ursache des
Versorgungsproblems in der zentralistischen Struktur des Strommarktes
liege. Dieser werde von vier großen Konzernen kontrolliert, welche die
Entwicklung erneuerbarer Energien blockieren würden.
Krawinkel stimmte zwar  der letzte These Loskes nicht zu, denn  auch
die Großen wie E.ON, EnBW und Vattenfall brauchen erneuerbare Energie.
Dennoch sah auch er in der  hochzentralisierten  Struktur des
Strommarktes ein großes Problem, denn dadurch würden Wettbewerb und
Innovation beeinträchtigt. Und anstatt über innovative energieeffiziente
Geräte zu diskutieren, fände in den Medien eine  überzogene
Preisdiskussion  statt. Eberhard Meller stimmte Krawinkel in dessen
Behauptung, dass es  zu wenig intelligente Serviceleistungen gibt  zu,
betonte aber, dass erhebliches Modernisierungspotential bestehe, welches
sich in einer mit zwei Milliarden Euro dotierten Kampagne der Regierung
zeige. Krawinkel konterte, dass dennoch von der Regierung keine
ausreichenden Akzente  gesetzt würden und die Sanierungseffizienz nur
bei einem Drittel liege.
Auch bei der Frage des Moderators Arnd Henze, WDR-Auslandsredakteur, ob
Energiepolitik gleich Sozialpolitik sei, inwiefern der Verbraucher also
Einfluss auf Energieeinsparung nehmen könne, gingen die Meinungen
auseinander. Die CDU-Politikerin Ursula Heinen befand, dass es eine
Sache des Verbrauchers ist, wie er mit Energieverbrauch umgeht.  Als
Henze einwandte, dass finanziell Schwächere sich die teureren
energiesparenden Elektrogeräte häufig nicht leisten könnten und
infolgedessen gezwungen seien, mehr Energie verbrauchende Geräte zu
kaufen, argumentierte Heinen, dass es auch Finanzierungsprogramme gebe.
Loske kritisierte, dass überhaupt noch energieineffiziente Geräte auf
dem Markt zu finden seien. Er fragte, warum nicht ein ähnliches Modell
wie in China existiere, wo Elektromodelle nach drei Jahren vom Markt
verschwinden würden. Auch schlug er eine Kennzeichnung der Geräte nach
Energieverbrauch vor, dadurch  kriegt man ineffiziente Geräte vom Markt.
 Heinen wiederum sah  solch ein Eingreifen auf den Markt  als kritisch
an. Krawinkel war der Meinung, dass die Verbraucher in erneuerbare
Energie einsteigen würden, wenn sie könnten. Für ihn müsse der
Verbraucher  raus aus der Entmündigung  geführt werden und viel mehr
Einflussmöglichkeiten auf die Energieeinsparung erhalten. Nachdem in den
letzten Jahren vor allem die ökonomische Energiediskussion geführt
wurde, müsse jetzt auf die konsequente technologische Entwicklung
erneuerbarer Energien gesetzt werden, um dem Verbraucher
Mitentscheidungsrecht einräumen zu können.  Der Verbraucher soll nicht
nur als Energieabnehmer gesehen werden, sondern auch aktiv miteinbezogen
werden.
Auf die Frage von Henze, ob die Regierung Jahrzehnte verschlafen habe
im Hinblick auf Energiesparen, gab Heinen zu, dass zu wenig getan worden
sei. Sie sah jedoch das Stromeinsparungsgesetz und den EU-Beschluss auf
25 Prozent erneuerbare Energie zu setzen, als großen Fortschritt an.
Loske hingegen bezeichnete den EU-Beschluss als  Hasenfüßigkeit  und
forderte einen größeren Anteil erneuerbarer Energie. Er kritisierte
zudem, dass die Regierung den Atomkonsens unterzeichnet habe, trotzdem
aber  bei jeder Gelegenheit dagegen stänkert .
Und während Loske forderte, Atomenergie nicht zum  Heilsbringer  zu
stilisieren, schlossen Heinen und Meller einvernehmlich mit der Aussage,
es wäre angesichts der Klimadiskussion ein Skandal, wenn man
funktionierende Atomkraftwerke abschalten würde.