Die Suche nach dem Rettungsring -

Dellbrücker Forum diskutiert über Kernkraft und Klimawandel

Union und Grüne streiten darüber, ob die Laufzeit von Atomkraftwerken verlängert werden sollte.

 

VON TOBIAS PETER, 16.03.07, 20:47h

 

Köln - Die Atomkraft als Rettungsring: ein Vergleich, der provoziert. Vielleicht trägt die Kölner Bundestagsabgeordnete Ursula Heinen (CDU) ihn deshalb ausdrücklich mit dem Hinweis vor, sie habe ihn lediglich bei einem Parteifreund entliehen. Wenn Deutschland die Atomkraft nicht zur Senkung des CO-Ausstoßes nutze, sagt sie, „dann ist das so, als würden wir uns weigern, einem Ertrinkenden einen Rettungsring zuzuwerfen“. Und zwar, fügt sie an, „weil wir Angst haben, mit dem Rettungsring das Wasser zu verunreinigen“.

 

„Mit Kernkraft für das Klima?“ Über dieses Thema hat Heinen mit dem grünen Energie- und Klimaexperten Reinhard Loske und Vertretern von Verbraucherzentralen und Energiewirtschaft auf dem Dellbrücker Forum der evangelischen Kirchengemeinde Köln-Dellbrück gestritten. Heinen sagt, die Kernkraft habe eine bessere CO-Bilanz als die fossilen Energien - sie sei vorerst nicht verzichtbar. Loske entgegnet trocken, Kernkraftwerke hätten keine Ähnlichkeit mit Rettungsringen. Die Atomenergie sei mit zu vielen Risiken besetzt. Der grüne Bundestagsabgeordnete aus Köln befürchtet zudem, wenn die Kernkraftwerke länger laufen sollten als geplant, würden die Anstrengungen für die erneuerbaren Energien geschwächt: „Die Atomkraft würde die Wende verlangsamen. Sie steht dem Klimaschutz im Weg.“

 

Unterstützung erhält er von Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bund der Verbraucherzentralen. In Deutschland würden viele Chancen verschenkt, durch höhere Standards für Gebäudesanierung und Elektrogeräte Energie zu sparen. Wenn Deutschland so weitermache, müssten die Atomkraftwerke vielleicht wirklich länger am Netz bleiben, sagt er: „Das ist dann aber eigene Dummheit.“ Mit anderen Worten: Die Deutschen sind auf die Atomkraft als Rettungsring nur dann angewiesen, wenn sie vorher selbst ins Wasser springen.

 

Loske und Krawinkel fordern für Deutschland eine „Top Runner“-Regelung wie in Japan: Dabei setzen die am meisten Energie sparenden Elektrogeräte den Standard für alle anderen. Dann müssen in einem Zeitraum von wenigen Jahren zum Beispiel alle Kühlschränke den Standard des effizientesten erreichen - oder sie dürfen nicht mehr verkauft werden. Heinen sagt, einem so schwerwiegenden Eingriff in den freien Markt stehe sie skeptisch gegenüber.

 

Ob der Kampf gegen den Klimawandel angesichts des wachsenden Energiehungers in China nicht ohnehin schon verloren sei, fragt einer der 120 Menschen aus dem Publikum. Er erhält viel Applaus. Doch plötzlich sind sich die Diskutanten einig: Der Kampf gegen den Klimawandel sei noch nicht verloren - auch wenn die Zeit dränge. Die Suche nach einem oder mehreren Rettungsringen kann weitergehen.