Dellbrücker Forum: "Tatort Veedel: Was hilft gegen Jugendgewalt?"

Hochkarätig besetzte Diskussionsrunde

Viele konkrete Lösungsansätze schlug die hochkarätig besetzte Diskussionsrunde des letzten Dellbrücker Forums vor, um der Jugendgewalt im "Tatort Veedel" zu begegnen.

 

Die Jungs aus Porz-Finkenberg wissen, was wichtig ist. Die Ehre ihres Stadtteils und der Respekt, den andere ihnen gegenüber schulden. „Wenn Jungs aus anderen Veedeln kommen, um sich mit uns zu schlagen, müssen wir uns wehren“, erklärt ein 15-Jähriger. „Und wir schlagen so lange zu, bis wir gewonnen haben. Egal wie.“ Im Übrigen habe man von den Jugendlichen, die zur Zeit eine Haftstrafe absitzen, gelernt: „Wir schlagen jetzt nicht mehr auf offener Straße zu. Wir suchen uns abgelegene Ecken, und mindestens drei Mann stehen Schmiere.“

 

Zunehmende Desensibilisierung der Jugendlichen gegen Gewalt
"Tatort Veedel: Was hilft gegen Jugendgewalt?" war der Titel einer Podiumsdiskussion im Dellbrücker Forum, zu dem die drei Jugendlichen aus dem sozialen Brennpunkt Finkenberg in die evangelische Christuskirche Dellbrück gekommen waren. Aber auch der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer, Ex-Justizminister von Niedersachsen, Udo Behrendes, Kölner Polizeidirektor, Jürgen Hollstein, CDU-Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags, und Franco Clemens, Sozialarbeiter in Porz-Finkenberg, waren der Einladung von Initiator und Moderator Arnd Henze in das Forum gefolgt, um Möglichkeiten zu diskutieren, die Jugendkriminalität einzudämmen. Clemens beklagte die zunehmende Desensibilisierung der Jugendlichen gegen Gewalt: "Die Schlägereien werden brutaler. Wenn einer am Boden liegt, wird noch mal nachgetreten. Und verhaftet zu werden, gilt als Kavaliersdelikt." Räuberische Erpressungen wie das „Abziehen von Handys“ gehörten zur Tagesordnung. Man dürfe aber nicht vergessen, dass gerade die Jugendlichen, um die er sich in Finkenberg kümmert, zu den großen Verlierern der Globalisierung zählten. Clemens forderte, die "Rudelführer" früher als bisher "für eine Denkpause mal ein Wochenende zu arrestieren". Dabei dürften sie allerdings nicht auf andere Kriminelle treffen. Beispielsweise auf Angehörige der Generation von 18- bis 25-jährigen Gewalttäter. „Denn die haben wir komplett verloren“, erklärte der Sozialarbeiter.

"Zahlen stellen Fragen"
Behrendes bestätigte die steigenden Täterzahlen. „Aber Zahlen stellen Fragen.“ Die steigenden Zahlen stünden im Zusammenhang mit den Engagement der Polizei. Die habe nämlich in Köln 250 Schulen jeweils einen so genannten Kontaktbeamten zur Seite gestellt, der im Umfeld und auf dem Schulhof präsent sei. Zu einem solchen Beamten hätten viele Jugendliche Vertrauen gefasst, so dass der dann von Straftaten erführe, die sonst nicht bekannt würden. Behrendes forderte die Vernetzung von Polizei, Schule, Sozialarbeit und Jugendamt, um gewaltbereiten Jugendlichen präventiv begegnen zu können.

Perspektivlosigkeit von Jugendlichen als Auslöser von Gewalt
Pfeifer nannte die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen als Auslöser von Gewalt. "Ein zehnjähriger türkischer Junge in Dortmund hat einen Medienkonsum von 4,2 Stunden täglich. Ein Mädchen im gleichen Alter in München kommt auf 57 Minuten", hat er in einer Untersuchung festgestellt. " Je mehr Fernsehen und PC-Spiele, umso schlechter die Noten, lautet Pfeifers Faustregel. Migrationshintergrund und mangelnde Bildung seien Ursachen für das Abtauchen in eine Machokultur, in der Begriffe wie "Respekt" und "Ehre" eine zentrale Rolle spielten. Pfeifer hat außerdem festgestellt, dass dieses "Machotum" weltweit vor allem in solchen gesellschaftlichen Verhältnissen hohe Anerkennung finde, in der die Polizei schwach sei. Dort müssten Männer mit Gewalt das Eigentum ihrer Familie sichern. In Staaten wie Deutschland, in denen die Polizei stark und präsent sei, seien die Werte dieser Machokultur weniger gefragt.

Schule mit Spaß statt "Verwahranstalt "
Hollstein kritisierte, dass die zeitliche Distanz zwischen Tat und Strafe zu groß sei. "Wenn einer im Januar eine Straftat begeht und im August in den Arrest geht, macht das keinen Sinn." Er forderte eine Reform des Strafvollzugs: "Jeder Einzelfall im Jugendknast ist es wert, gefördert zu werden." Zustimmung erntete Pfeifer für seine Kritik am Schulsystem. Man könne nicht mit zehn Jahren über eine Schullaufbahn entscheiden. Da würden Irrtümer zementiert. "Wir haben heute an den Hauptschulen eine Zusammenballung von Hochgefährdeten, die sich gegenseitig runterziehen." Pfeifer votierte für die Einrichtung von Ganztagsschulen an Hautpschulen mit einem breiten Angebot für die Jugendlichen: „Aber diese Schule muss Spaß machen und darf nicht zu einer bloßen Verwahranstalt verkommen.“