Wenn es Stress gibt, sagen wir nicht Nein
 300 Gäste bei Podiumsdiskussion des Dellbrücker Forums über
Jugendkriminalität

von ANGELIKA STAUB

DELLBRÜCK. Das Thema "Jugendkriminalität" bewegt die Gemüter: Knapp 300
Gäste lockte die Veranstaltung "Tatort Veedel - Was hilft gegen
Jugendkriminalität?" des "Dellbrücker Forums" in die Christuskirche.
Im Altarraum beziehungsweise auf dem Podium saßen hochkarätige Gäste:
Professor Christian Pfeiffer (Kriminologe), Udo Behrendes
(Polizeidirektor und Leiter des Präventionsprojekts an Kölner Schulen),
Jürgen Hollstein (CDU-Landtagsabgeordneter) und Franco Clemens
(Streetworker). Mit gesellschaftskritischen Liedern stimmte der
Gospelchor "Voice Tabs" das Publikum auf die Podiumsdiskussion unter der
Leitung von Arnd Henze ein.
"Die Zahlen bei der Jugendkriminalität nehmen zu", sagte Udo Behrendes
von der Polizei. Es würden mehr Anzeigen registriert. Ein Grund dafür:
Die Polizei pflege im präventiven Rahmen besseren Kontakt zu Schülern
und erfahre so eher von Straftaten. "Wir haben aber keinen Anlass zur
Dramatisierung. Diese Jugend ist Klasse, hat aber große Probleme zu
bewältigen."
"Ganztagsschulen für alle - aber keine Kinderverwahranstalten",
forderte Kriminologe Christian Pfeiffer. Zu häufig seien die
Jugendlichen zu Hause sich selbst überlassen. Studien hätten ergeben,
dass die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen mit schlechtem
Schulabschluss steige und auch von Nationalität und Sprachkompetenz
abhänge.
Streetworker Franco Clemens glaubt, dass "wir die Jugendlichen zwischen
18 und 25 Jahren komplett verloren haben." Denn um sie habe sich früher
niemand gesorgt. Seine These: "Wir haben keine Ausländerproblematik,
sondern ein soziales Problem." Clemens arbeitet als Sozialarbeiter in
Porz-Finkenberg.
Drei seiner Schützlinge waren im Publikum dabei. Und erzählten munter
los: "Also, es gibt ein kleines Problem, dann Streit, Stress, Kampf und
immer so weiter. Alleine schlagen wir den dann kaputt - mir ist
schließlich auch der Zahn raus geschlagen worden." Regeln sind out,
es zählt der Gewinn. "Wir kassieren für die Ehre. Wir verteilen aber
auch für die Ehre", sagte ein anderer. Das Trio zeigte sich einig: "Wenn
der Stress kommt, dann können wir nicht Nein sagen." Pfeiffer riet
ihnen: "Holt euch die Anerkennung auf andere Weise."
Um dies zu lernen, holt Clemens die Jugendlichen "dort ab, wo sie
sind." Das funktioniere nur in Zusammenarbeit mit Polizei, Ämtern und
den Trägern der offenen Jugendarbeit. "Wir können nicht alle Probleme
lösen, es muss in Jugendarbeit auch investiert werden", sagte der
Streetworker.
Wann man Jugendliche hinter Gitter sperren sollte, ob überhaupt,
darüber gab es kontroverse Ansichten - sowohl im Publikum als auch
auf dem Podium. Auch ob die Strafe zeitnah auf die Tat folgen müsse,
wurde diskutiert. Ein Jurist aus dem Publikum argumentierte: "Lösungen
brauchen Zeit." Landtagsabgeordneter Jürgen Hollstein erklärte: Die
Haftanstalten seien überfüllt, neue Plätze würden eingerichtet.
Ohnehin kamen vom Publikum viele Anregungen: Man solle den Kinderarzt,
aber auch die Eltern stärker einbeziehen. Eine Lehrerin erzählte vom
"Streitschlichtungsprogramm" an ihrer Grundschule. Ganz nach dem
Geschmack von Behrendes: Prävention heiße die Devise. Schulen seien dazu
geeignete Orte, etwa für die Schülersprechstunden der Polizei.
Weitere Themen konnten bei der mehr als zweistündigen Veranstaltung nur
kurz angerissen werden: Das hiesige Schulsystem, der Umgang mit
Schulschwänzern und die Darstellung der Jugendkriminalität in den
Medien.