Achtung: Wir dokumentieren den Artikel in seiner veröffentlichten
Fassung, obwohl er Aussagen enthält, die der Kölner Stadtanzeiger am
nächsten Tag mit Bedauern zurückgenommen hat (s. Artikel vom 19.4.).
Die Aussagen zu den im Text zitierten angeblichen Straftaten der
Jugendlichen entsprechen nicht den Tatsachen. Gegen die Jugendlichen
sind keinerlei Ermittlungsverfahren anhängig! Arnd Henze


Es geht nur ums gewinnen, egal wie
"Dellbrücker Forum" diskutiert über Jugendgewalt und Jugendkriminalität

Bürger und Experten debattierten in der Christuskirche, Jugendliche bagatellisierten ihre Taten.

VON NORBERT RAMME

Ein Patentrezept hatte keiner auf dem Podium mitgebracht. Selbst Lösungsvorschläge blieben eher im vagen Raum. "Was hilft gegen Jugendgewalt?" war der Titel einer Diskussion, zu der das "Dellbrücker Forum" - es organisiert seit 15 Jahren Veranstaltungen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen - in die Christuskirche geladen hatte. Rund 250 Bürger waren gekommen, um den Argumenten der Podiumsteilnehmer zu lauschen oder eigene Ansichten einzubringen. Große Übereinstimmung war da nicht zu erwarten, auch wenn die Positionen von CDU-Landtagsmitglied Jürgen Hollstein ("Ich bin ein konservativer Politiker.") und Franco Clemens, Straßensozialarbeiter in Porz-Finkenberg, oft nicht weit auseinander lagen. Beide hielten die Zeitspanne zwischen Tat und Strafe für allzu lang und plädierten für eine stärkere Vernetzung von Schule, Polizei, Sozial- und Jugendeinrichtungen im Stadtteil. Aus dem Publikum wurde vorgeschlagen, auch Eltern und Kinderärzte einzubeziehen.

Clemens hatte drei Jugendliche mitgebracht, die ihre kriminellen Taten - Raubüberfälle, das "Abziehen" von Handys, Körperverletzungen - eher bagatellisierten und angaben, aus den Fehlern der Größeren, die inzwischen im Gefängnis gelandet sind, gelernt zu haben. "Wir machen vieles halt nicht mehr auf offener Straße, sondern ziehen uns für eine brutale Schlägerei lieber in eine dunkle Ecke zurück. Wenn wir für die Ehre kämpfen, geht es nur ums gewinnen, egal wie." Für solche Selbstdarstellungen gab es anstelle von Kritik teils Beifall der Zuschauer, teils mitleidiges Lächeln von Polizeidirektor Udo Behrendes. Anerkennend, dass die
Jugendlichen sich vor dem Publikum geäußert haben, sagte Moderator Arnd Henze: "Davor habe ich wirklich Respekt." Auch Sozialarbeiter Clemens war sichtlich stolz auf "seine Jungs". Während er die Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen als "komplett verloren" erachtet, erreiche er die Jüngeren halt noch.

Polizist Behrendes versuchte den Bürgern die Sorge vor einer ansteigenden Kriminalität zu nehmen. "Eine Erhöhung der Zahlen bedeutet nicht, dass die Delikte zunehmen. Es werden nur mehr Vorfälle öffentlich gemacht. Und auch mehr Täter ermittelt." Präventiv gehe man in Schulen und in die Problemviertel: "Wir müssen uns um angemessene Reaktionen bemühen."
Kriminologe Professor Christian Pfeifer (Ex-Justizminister in Niedersachsen) wies auf die Zusammenhänge von Armut und Perspektivlosigkeit, von überzogenem Medienkonsum und Anfälligkeit für kriminelles Handeln hin. Den "Macho-Jugendlichen" müssten Alternativen aufgezeigt und geboten werden, "wo sie ihre Power umsetzen können und auf andere Weise Anerkennung erhalten". Allgemeines Nicken auf dem Podium und im weiten Kirchenrund. Gut, dass man wieder mal darüber gesprochen hatte.