Amerikaner" gilt als Schimpfwort

von LARA FRITZSCHE, 09.06.2004

Der ehemalige Berater von US-Präsident Bush stößt mit seinen Äußerungen auf Kritik.
VON LARA FRITZSCHE
Köln - Schon in einem seiner ersten Sätze verspielt Walter Andrusyszyn, ehemaliger Bush-Berater, die Sympathie der etwa 140 Forumsteilnehmer. "Wir haben so viele Pläne gemacht für den Irak, aber manche klappen halt nicht", sagt er. Andrusyszyn war hochrangiger Mitarbeiter im "National Security Council" und hat US-Präsident Bush in Sicherheitsfragen beraten.
Thema der aktuellen Diskussion im Dellbrücker Forum ist die Stabilisierung des Irak. "Den Krieg haben wir schnell gewonnen, war ja auch nicht so schwer", sagt Andrusyszyn. Erst jetzt hätte die US-Regierung, für die er inzwischen nicht mehr arbeitet, viele Probleme. Jochen Hippler wirkt als Nahost-Experte an der Universität Duisburg und ist gerade von einer längeren Forschungsreise aus dem Irak zurückgekehrt. Er kritisiert den "Dilettantismus" der Bush-Administration. "Noch heute ist es so, dass in Bagdad vier mal am Tag für zwei Stunden der Strom ausfällt. Auch die Müllabfuhr funktioniert nicht." Das große Problem sei, dass die Iraker nicht glauben, dass die "großen, tollen Amerikaner" das wirklich nicht hinkriegen. Sie denken das sei Schikane. "Das Misstrauen ist riesig."
Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin und Autorin des Buches "Gott ist mit den Furchtlosen", ein Porträt der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi, bestätigt die Beobachtungen. "Die Menschen sind einfach enttäuscht. Sie hatten von der Weltmacht mehr erwartet. Ich meine, Amerika ist ja neben Feindbild auch Wunschtraum. Würde man in Bagdad Green Cards verteilen, die wären in Sekunden vergriffen."
Als Problem sieht sie vor allem die Wahrnehmung der Besatzungsmacht. Das Bild sei so furchtbar zerstört, gerade nach Abu Ghoreib. "Ja, das war eine schreckliche Panne", sagt Andrusyszyn. "Aber mehr noch als die Menschenrechte wollen die Iraker Wasser, Strom und Lebensmittel", sagt Amirpur. Auf die Frage, ob es eine Möglichkeit gibt, die Gewalt im Irak zu stoppen, wissen sie alle drei keine Antwort. "Ich bin Optimist", erklärt der Amerikaner, "it will work." Die beiden anderen Podiumsgäste sind skeptisch, sie glauben nicht an eine baldige Entspannung. Hippler: "Die Wahlen vorzuziehen hat keinen Sinn, denn es haben sich noch keine ernst zu nehmenden Parteien gebildet, aber die Souveränität bei den Besatzern zu lassen, ist auch keine Lösung. Für 80 Prozent der Iraker ist »Amerikaner« ein Schimpfwort." Natürlich sei im Irak auch viel Stimmung gemacht worden, auf dem arabischen Fernsehsender El Dschasira seien Videocollagen mit Folterbildern und anderen Demütigungen in der Endlosschleife gelaufen, und das sähen alle, wenn sie nachmittags im Kaffeehaus säßen, berichtet Amirpur. "Das ist ja Propaganda", bemerkt Andrusyszyn.