Visionen von Freiheit und Wohlstand
Ex-Bush-Berater ist trotz verfahrener Lage im Irak optimistisch
Streitgespräch „Pulverfass Irak: Wer stoppt die Gewalt?“ im Dellbrücker Forum

Von Markus Dufner

Am 30. Juni soll der Irak wieder ein souveräner Staat werden - aber was bedeutet das, wenn das Land weiterhin durch Besatzungstruppen unter US-Kommando kontrolliert wird? In den USA ist die Zustimmung zum Irak-Kurs der Bush-Regierung auf einem Tiefpunkt, die Rolle der UNO ist
völlig ungeklärt, und die weitreichenden Visionen von einer Demokratisierung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens werden zerstört von den Bildern immer neuer Gewaltexzesse auf allen Seiten.

140 engagierte Zuhörer waren zum Streitgespräch „Pulverfass Irak - Wer stoppt die Gewalt?“ des Dellbrücker Forums in Köln gekommen, das diesmal in Zusammenarbeit mit dem Amerikahaus Köln stattfand. Was dort von einem ehemaligen hochrangigen Berater von Georg W. Bush zu hören war, sorgte für Verwunderung und Kopfschütteln. Der Präsident wolle im Irak seine
„Vision von Freiheit und Wohlstand“ verwirklichen, so die Überzeugung von Walter Andrusyszyn, der als Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat bis Ende 2003 an wesentlichen Entscheidungen zum Irak beteiligt war. Die
Vorstellung von „Freiheit für den Mittleren Osten“ habe es in der Bush-Administration schon vor dem 11. September gegeben. „Diese Vision begeistert mich.“ Der Ex-Berater räumte allerdings auch ein, dass es in der US-Administration keinen wirklichen Plan für die Phase nach demKrieg gegeben habe.

Die Realität im Irak gibt derzeit wenig Anlass zu Optimismus. Jochen Hippler,  Friedensforscher und Nahost-Experte an der Universität Duisburg, ist seit seiner kürzlichen Forschungsreise durch den Irak „verzweifelt und pessimistisch“. Die USA seien weder in der Lage, für
Sicherheit zu sorgen noch die Infrastruktur des Landes wieder herzustellen. Das Dilemma: „Durch einen Abzug der Amerikaner würde sich die politische Lage nicht verbessern. Nach kurzfristiger Beruhigung käme
es noch zu einer Zunahme der politischen Gewalt.“ In den Augen der irakischen Bevölkerung würde es auch keinen Unterschied machen, wenn NATO- oder UNO-Truppen die Amerikaner ablösen würden.
  
Eine einfache Lösung ist auch für die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur nicht in Sicht.
„Man kann jetzt nicht das Land verlassen und die Iraker sich selbst überlassen.“ Die zukünftige irakische Regierung mit dem von Washington zunächst abgelehnten Scheich Ghasi al Jawer an der Spitze sei „Teil des
Problems und der Lösung“.

Einig waren sich die drei Gesprächspartner darin, dass enttäuschte Erwartungen der irakischen Bevölkerung und Fehler der US-Besatzungsmacht eine Ursache für die wachsende Ablehnung und den Verlust der Glaubwürdigkeit der Amerikaner darstellten. „Abu Ghraib war ein
wahnsinniger Rückschlag“, räumte Andrusyszyn ein. Die Foltervorfälle stellten „die moralische Kraft der Amerikaner in Frage. Aber es ist reparabel.“
Hippler sieht vor allem „praktische Dinge“, die nicht funktionierten, als Problem. Die katastrophale Sicherheitslage, die schlechte Gesundheitsfürsorge und Versorgung mit Trinkwasser, Stromausfälle – „dies wird der Hypermacht Amerika nicht als Inkompetenz abgenommen,
sondern als Verschwörung gegen das irakische Volk angelastet.“ Der Krieg gegen das Saddam-Regime sei von den USA militärtechnisch brilliant geplant gewesen, meinte der Friedensforscher. „Über die Frage, wie man
ein Land regiert, scheint man sich keine Gedanken gemacht zu haben.“

Amirpur, die eine iranische Mutter hat, wies auf den Widerspruch hin, dass trotz des Hasses auf die Amerikaner die USA immer noch eine „unglaublich große Faszination“ auf die Menschen im Irak und in der arabischen Welt ausübten. „Einerseits wird in diesen Ländern – auch im
Iran – nieder mit den USA gebrüllt, andererseits seien viele Menschen scharf auf US-Visa.“

Gibt es wenigstens mittelfristig eine Chance für Frieden im Irak? Hippler nannte drei Faktoren: die Integration der Schiiten, die Bildung einer politischen Plattform bei den Sunniten anstelle des Zerfallens in viele Splittergruppen und ein Erfolg von Washingtons Middle East Initiative. In Andrusyszyns Diktion stellt sie den „Vormarsch einer Idee“ dar, die eine Chance erhalten müsse. Hoffnungsvoll stimme ihn daran, dass nicht nur die arabischen Regierungen sondern auch die Zivilgesellschaften daran beteiligt seien.