Laschet lässt lesen
Gewalt, Sprachprobleme und deutsche Bürokratie. In Köln wurde die aktuelle Debatte um Integration befeuert. Mittendrin: Integrationsminister Laschet (CDU), dem jetzt eine Deutsch-Türkin assistiert

AUS KÖLN FRANK ÜBERALL

Christdemokrat Armin Laschet ist nicht nur NRW-Integrationsminister, er ist auch ein innovativer Mann. Anstatt teure Gutachten über die Befindlichkeit der Muslime an Rhein und Ruhr in Auftrag zu geben, setzt er neuerdings auf die eigenen Ressourcen: "Im Ministerium habe ich eine neue Mitarbeiterin, die deutsche Staatsbürgerin türkischer Herkunft ist", verriet Laschet beim "Dellbrücker Forum" am Mittwochabend in Köln. "Wir lesen jetzt mal jeden Morgen alle türkischen Zeitungen."

Tja, Integration ist eben ein mühsames Geschäft. Das wurde bei der Podiumsdiskussion, die seit Jahren vom WDR-Redakteur Arnd Henze organisiert wird, mehr als deutlich. Bloß abzuwarten helfe nicht weiter, betonte Heike Wehner, die an einer Grundschule im Kölner Arbeiterstadtteil Kalk lehrt. 83 Prozent ihrer Schüler kommen aus Migrantenfamilien, viele sprechen nicht richtig deutsch: "Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken türkisch, die ich gelernt habe, kann ich mich verständigen", so die Lehrerin. Wichtig wären frühzeitige Förderungen, aber auch Unterstützung etwa durch Sozialarbeiter. Die deutsche Bürokratie sehe das für Grundschulen aber nicht vor - ganz gleich, wie groß die Probleme sind.

Da wusste auch Integrationspolitiker Laschet keinen Ausweg. Mit Hinweis auf die Finanzen bedauerte er, dass das Land hier kaum Unterstützung bieten könne. "Aber das sind doch unsere Steuergelder!", schallte es ihm aus dem Publikum entgegen. Doch Laschet gelang es, die Stimmung wieder auf seine Seite zu ziehen: Sei es durch die vehemente Ablehnung von Einbürgerungstests nach hessischem Vorbild oder durch die Forderung, bei der Integrationspolitiker auf Parteienstreit zu verzichten.

Bekir Alboga von der türkischen Religionsanstalt Ditib hielt anschließend ein flammendes Plädoyer für seine Organisation, musste aber auf Vorhalt des Journalisten Ahmet Senyurt einräumen, dass die Moscheegemeinden hierzulande nur etwa 20 Prozent der Muslime überhaupt erreichen. Unter diesem Vorzeichen gewinnt auch die Diskussion über Zentralmoscheen und Lehrstühle für islamischen Religionsunterricht neue Qualität.

"Wenn wir in Deutschland flächendeckend solche Lehrstühle hätten, bräuchten wir keine türkisch sprechenden Imame aus der Türkei mehr", sagte Alboga. Die verschiedenen muslimischen Organisationen sind sich untereinander aber nicht so richtig grün. "Wir können nicht mit sieben, acht muslimischen Organisationen staatskirchenrechtliche Beziehungen eingehen", gab Minister Laschet zu bedenken. Prinzipiell aber sei es durchaus sinnvoll, Kindern in deutschen Schulen den Islam beizubringen: "Ich finde, ein Kind, das Muslim ist, hat das gleiche Recht auf Religionsunterricht wie ein katholisches oder evangelisches Kind." Dann war wieder einmal zu erleben, wie viel Unsicherheit in der Debatte über den Islam noch immer herrscht. Ob diese Religion denn auf dem Boden des Grundgesetzes stehe, wurde gefragt. "Wer das Grundgesetz nicht akzeptiert, kann bei uns nicht Mitglied werden", reagierte Ditib-Sprecher Alboga.

Warum man sich denn von jeder Schandtat, die im Namen des Islam begangen wird, unbedingt distanzieren müsse, fragte Minister Laschet: "Ich muss mich als Christ doch auch nicht ständig dafür rechtfertigen, dass die IRA in Irland Anschläge verübt." Lippenbekenntnisse und Rhetorik, könnte man meinen. Und doch scheint sich etwas zu bewegen. Einig sind sich plötzlich alle, dass die Debatte sowohl bei Deutschen als auch auf Seiten der Zuwanderer beginnt, substanzieller zu werden. Laschet etwa lobte die neue Kampagne der türkischen Zeitung Hürriyet gegen häusliche Gewalt: "Das wäre vor drei, vier Jahren undenkbar gewesen, dass so ein Tabuthema angesprochen wird."