Dellbrücker Forum diskutiert Integration

WDR 5, Frank Überall im "Morgenecho" vom 6.4.

 

Seit dem Hilferuf der Lehrer an der Berliner Rütli-Schule ist das Thema Integration in aller Munde. Was tun, um ein besseres Zusammenleben von Einheimischen und Migranten in Deutschland zu fördern? Nordrhein-Westfalen hat dazu eigens einen Integrationsminister benannt. Armin Laschet nimmt dieses Amt wahr, und er stellte sich gestern (Mittwoch) Abend der Diskussion an der Basis – beim so genannten Dellbrücker Forum, einer öffentlichen Runde der evangelischen Kirchengemeinde Köln-Dellbrück. Frank Überall berichtet:

 

 

 

Wer schafft die Integration? Diese Frage stand in großen Lettern auf den Einladungs-Plakaten. Aus der Praxis hatten die Organisatoren eine Lehrerin eingeladen: Heike Wehner. Sie ist Konrektorin einer Schule im Arbeiter-Stadtteil Köln-Kalk. 83 Prozent ihrer Schüler haben einen Migrationshintergrund. Viele sprechen gar nicht richtig deutsch. Probleme, denen die Pädagogen alleine kaum gewachsen sind. Heike Wehner:

 

„Wir versuchen es ja, wir arbeiten ja auch wirklich rund um die Uhr daran, aber es ist so, dass wir trotzdem die Kinder entlassen müssen, wo wir dann wissen, wir hätten in den vier Jahren mit einem Sozialarbeiter meinetwegen ganz anders noch angehen können, die Sache.“ (16 Sek.)

 

Minister Armin Laschet konnte auch nur mit den Schultern zucken. Bedauerlich sei das, ja, aber nicht seine Zuständigkeit, und außerdem habe das Land zu wenig Geld. An dieser Stelle war also nicht an schnelle Lösungen zu denken – aber vielleicht bei den islamischen Organisationen in Deutschland? Ditib ist die Religionsanstalt, die vom türkischen Staat gesteuert wird. Deren Kölner Sprecher Bekir Alboga räumte ein, dass man nur etwa ein Fünftel der Muslime überhaupt mit den Moscheen hierzulande erreiche. Gerade junge Menschen wolle man gerne auch mit Hilfe des deutschen Staats ansprechen, um so auch zu mehr Integration beizutragen. Bekir Alboga:

 

„Wenn wir überhaupt Jugendliche erreichen, die einfach mal im Umfeld der Moschee geschützt werden vor Schlechtigkeiten, vor Drogenhändlern und so weiter und so fort, dann sind wir heilfroh. Wir sind sehr daran interessiert, mit den Jugendämtern, mit städtischen Ämtern zusammen zu arbeiten, um auch die Jugendlichen, die wir nicht erreichen können, gemeinsam zu erreichen, gemeinsam anzusprechen.“ (25 Sek.)

 

Von Experten wurden bei der Diskussion aber auch Vorbehalte gegen das traditionelle Religionsverständnis von Ditib laut. Und es wurde deutlich, wie wenig man eigentlich voneinander weiß. Dass zum Beispiel viele Menschen türkischer Herkunft keine deutschen Medien konsumieren, beklagen manche schon länger. Bewegen müssten sich aber auch die Deutschen, unterstrich Minister Laschet:

 

„Man muss erst mal wissen, was wird überhaupt in der Gemeinschaft der Zuwanderer gedacht. Was bewegt jemanden jeden Morgen, wenn er die Zeitung liest? Im Ministerium habe ich eine neue Mitarbeiterin, die deutsche Staatsbürgerin türkischer Herkunft ist. Wir lesen jetzt mal alle türkischen Zeitungen jeden Morgen.“ (16 Sek.)

 

Mit Verständnis aufeinander zugehen, dafür machte sich an diesem Abend auch der Sprecher der Religionsanstalt Ditib stark. Den Vorwurf, dass viele Religionslehrer, die aus der Türkei einreisen, kein Deutsch sprechen, konterte er mit einer konkreten Forderung. Bekir Alboga:

 

„Wenn wir in Deutschland flächendeckende Lehrstühle für islamische Theologie haben, an den deutschen Hochschulen, so wie die katholischen und evangelischen Hochschulen, und wir Religionslehrerinnen und Religionslehrer und Imame in Deutschland in deutscher Sprache für einen islamischen Religionsunterricht in der Schule ausbilden könnten, wären wir morgen bereit, mit dem Amt des Religionspräsidiums in der Türkei zu sprechen, dass wir solche Imame nicht mehr brauchen.“ (29 Sek.)

 

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht, stellten schließlich alle Podiumsteilnehmer fest. Denn die verschiedenen Organisationen, die wiederum nur einen Teil der hier lebenden Muslime vertreten, sind sich untereinander kaum einig. Minister Armin Laschet:

 

„Wir können nicht mit sieben, acht muslimischen Organisationen nun jeweils staatskirchenrechtliche Beziehungen eingehen, wo dann unter de Türken beispielsweise auch noch nicht jeder sich dann bei Ditib wieder findet, sondern auch bei anderen, also es sind sehr formale Dinge, die nicht in der Sache begründet sind, weil ich finde, ein Kind das Muslim ist hat das gleiche Recht auf Religionsunterricht wie ein katholisches oder evangelisches Kind.“ (23 Sek.)

 

In einem aber waren sich wirklich alle einig: Migranten müssen intensiver deutsch lernen. Das werde von den Moscheegemeinden auch aktiv gefördert, erklärte der Ditib-Sprecher. Und mit dem Erlernen der deutschen Sprache, so die Lehrerin der Kalker Grundschule, ließen sich auch viele schulische Sorgen ausräumen – um damit den Mädchen und Jungen ausländischer Herkunft die persönlichen Chancen im Leben systematisch zu erhöhen – eine bessere Voraussetzung für gelungene Integration gebe es kaum.