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Grimme-Chef fordert «Deeskalations-Journalismus»


 Köln (epd). Mit Blick auf einen drohenden Irak-Krieg hat der Geschäftsführer des Marler Grimme-Instituts, Bernd Gäbler, einen Journalismus der Deeskalation gefordert. Der Krieg dürfe nicht herbei geredet werden, sagte Gäbler am Donnerstagabend in Köln. Es gebe keine «Zwangslogik» des Krieges.
 
Bei einer Diskussion zum Thema Medien und Krieg appellierte Gäbler an die Redaktionen, verstärkt über friedliche Konfliktlösungen zu berichten und mehr Hintergrundinformationen zu liefern. Im Rahmen des «Dellbrücker Forums» sprach der Grimme-Chef mit der Fernseh-Journalistin Sonia Mikich und dem Luftwaffengeneral Walter Jertz.
 
Das Adolf-Grimme-Institut in Marl beobachtet die Zusammenhänge zwischen Bildung und Medienentwicklung. Es vergibt zudem seit 1964 jährlich den Grimme-Preis, der zu den renommiertesten deutschen Auszeichnungen für Fernsehproduktionen zählt.
 
Jertz wies die Kritik zurück, das Militär betreibe im Kriegsfall stets eine Politik der Desinformation und Verschleierung. Als militärischerPressesprecher der NATO im Kosovo-Krieg habe er sich stets der Wahrheit verpflichtet gefühlt, betonte der General. Die NATO habe zwar zu Beginn des Krieges mit bewusster Fehlinformation schwere Fehler begangen, räumte Jertz ein. Daraus habe das Bündnis jedoch gelernt und dann mit eigenen Pressekonferenzen in Brüssel ein glaubwürdiges Gegengewicht zur «serbischen Propaganda» setzen wollen.
 
Die TV-Journalistin und langjährige Auslandskorrespondentin Sonia Mikich widersprach der Auffassung, es gebe bei einem Krieg ausschließlich glaubwürdige oder nur propagandistische Informationsquellen. «Ich habe kein Vertrauen, den Darstellungen der NATO mehr zu glauben als einer Kriegspartei», sagte sie. Als Journalistin bringe sie allen Seiten die gleiche Skepsis entgegen.
 
Auch wenn stets die Gefahr bestehe, manipuliert zu werden, so sei es unerlässlich, sich ein eigenes, wenn auch noch so begrenztes Bild von einem Krisenschauplatz zu verschaffen, betonte Mikich. Nur auf diese Weise könnte ein vielstimmiges Bild entstehen. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer in ihrer Kritik an dem gestiegenen Nachrichtentempo. «Die Geilheit auf harte News verdrängt Erklärungen von Zusammenhängen und damit die Wahrheit», sagte Gäbler.