Alina Fichter, 08.Mai 2003

 

 

Sieg ohne Frieden- oder den Frieden besiegt?

Diskussion über die Folgen des Krieges auf dem Dellbrücker Forum mit

Walter Stützle, Jochen Hippler und Elias Bierdel

 

Präsident Bush hat die Kämpfe im Irak vor wenigen

Tagen offiziell für beendet erklärt.

Doch wie viel Frieden ist im besiegten Land zu erkennen?

„Bei der irakischen Bevölkerung hat sich kein `Es ist vorbei- Gefühl´

eingestellt“, beschreibt Elias Bierdel seinen Eindruck auf dem

jüngsten Dellbrücker Forum. Der Journalist und Vorsitzende

von Cap Anamur ist vor wenigen Tagen aus Bagdad zurückgekehrt

und hat dort erlebt, dass Soldaten „eben Krieg machen und nicht Frieden“.  

 

Außer ihm begrüßte Moderator und WDR- Redakteur Arnde Henze den Nahostexperten Jochen Hippler und Walter Stützle, Staatssekretär a.D. auf dem Dellbrücker Forum.

Das Thema „Sieg ohne Frieden?“ knüpfte an vergangene Veranstaltungen an und sollte klären, ob sich Ängste über die Auswirkungen des Krieges tatsächlich bestätigt hatten.

 

Eingangs kündigte Moderator und WDR- Redakteur Arnd Henze

an, dass diesmal nicht die Kontroverse

im Mittelpunkt stehe: „Die Gäste bieten stattdessen drei Perspektiven

auf die Folgen des Krieges, die wie Puzzlestücke aneinandergefügt

das eigene Bild vollständiger machen können.“

 

„Die Soldaten sichern nur strategisch wichtige Punkte, - wie beispielsweise das Ölministerium“, so Bierdel. Die Gefährdung durch Plünderer und Schiessereien schränke die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen daher noch extrem ein. Dabei sei die Lage in den Krankenhäusern katastrophal und das Elend der Menschen entsetzlich.

Obwohl Cap Anamur mit Ärzten, Pflegern und Technikern vor Ort ist und sich um Hilfstransporte kümmert, schätzt Bierdel die eigene Rolle bescheiden ein:

„Wenn ein siebenjähriger Iraker unser Tun später, als Student womöglich gut findet, haben wir schon etwas erreicht.“

 

Der größte politische Schaden ist für Walter Stützle entstanden, weil

„Amerika die UN-Charta mit Füssen getreten hat“. Das alte Bild vom

Demokratiestifter sei zerstört und die arabischen Völker gegen den

Westen aufgebracht. Gesiegt wurde deswegen nicht nur ohne Frieden,

sondern gegen den Frieden.

„Statt 30000 Soldaten hätten lieber 30000 Inspektoren in den Irak geschickt werden sollen“. Wären bei einer `gründlichen Hausdurchsuchung´ Massenvernichtungswaffen aufgetaucht, hätte über einen Einmarsch immer noch nachgedacht werden können.

„Das unterscheidet Bush von den meisten Politikern Europas, bei denen

Diplomatie und Versöhnung der Gewalt vorgezogen wird.“

Für den Kampf gegen den Terrorismus, laut USA ein Argument für

den Krieg, sei dieser dagegen wahrscheinlich sogar kontraproduktiv gewesen.

 

Der Friedensforscher Jochen Hippler hat das „Argumente- Karussell“

der Amerikaner sowieso nicht ernst genommen. „Die entscheidende

Frage ist, wer den Nahen Osten kontrolliert. Denn der kontrolliert die

Weltpolitik.“ Und die USA sehe es als ihre wichtigste Aufgabe an, die

eigene Unipolarität zu erhalten.

 

Daran schloss Arnd Henzes Frage an, welcher Akteur  denn überhaupt

noch gegensteuern könne, nachdem die UNO übergangen worden sei,

die Nato bedeutungslos und Deutschland als Gesprächspartner von den USA nicht

mehr akzeptiert.

Die drei Diskutierenden einigten sich schnell auf die wichtige Rolle Europas.

Walter Stützle gab dabei zu, dass er zunächst eine gemeinsame Position

ohne die Kriegswilligen Spanien und England bevorzuge.

 

Den Fragen aus dem Publikum wurde diesmal besonders viel Zeit eingeräumt.

Viele interessierten für mögliche Zukunftsszenarien. Neue Angriffe der USA will Jochen Hippler nicht ausschließen und fürchtet dabei vor allem die Konsequenzen, die das auf das Völkerrecht hätte.

Bei weiteren Angriffskriegen, die angezettelt werden ohne Beweise vorzulegen, werde die UNO zum Hampelmann. Der Friedensforscher wies eindringlich darauf hin, dass die Europäer auf die Durchsetzung des Völkerrechts bestehen müssen, notfalls auch gegen die Großmacht USA.

 

Abschließend erklärte Elias Bierdel, dass die Krise mit den Amerikanern eine Chance für  Europa sei: „Das Zusammenwachsen der Länder auf unserem Kontinent ist eine ganz bewegende Frage. Wahrscheinlich sind wir Bush bald dankbar, dass er es uns dabei hilft, indem wir eine gemeinsame Position gegen ihn vertreten.“