Das Dellbrücker Forum

 

An Pressetermine und unangenehme Fragen mögen sie gewohnt sein. Diskussionen mit Andersdenkenden, Fachleuten oder politischen Gegner gehören für sie zum Alltag. Doch wenn Bundestagsabgeordnete, Umweltaktivisten, Militärgeneräle oder Professoren nach Dellbrück kommen, stellen sie sich dem Unvorhersehbaren. Sie kommen aus Berlin, über den Atlantik, aus den großen Konzernen oder den Universitäten und setzen sich in einen Raum, kaum groß genug für alle Zuhörer, auf gleiche Höhe mit ihrem Publikum. Benannt nach einem Köl­ner Stadt­teil steht das Dellbrücker Forum für eine neue Art der Streitkultur, die unterschied­liche Positionen so nah zusammenbringt, dass sie sich einfach kennen lernen müssen. 

 

Punker und Kriegserinnerungen

 

Vor etwa 12 Jahren packte ihn die Lust, zu diskutieren. Und so suchte Arnd Henze, stellvertretender Leiter der Programmgruppe Ausland des WDR Fernsehens, per Aushang nach Gleich­gesinnten. An einem runden Tisch diskutierte er 1993 erstmals mit Vertretern der Kriegsgeneration und Jugendlichen in Punklook, mit Hausratte auf der Schulter, über den  Bun­deswehreinsatz in Somalia.

Genauso ungezwungen und bodenständig wie damals sind die Diskussionen bis heute geblieben. Auch vor großem Publikum und mit prominenten Referenten wie Ludger Vollmer, Gerd Ruge oder Rudi Völler diskutiert Arnd Henze nur über politische Themen, die ihm auf den Nägeln brennen. Seine Referenten bestimmt der Moderator des Forums nach Bauchgefühl: „Wenn ich keine Lust habe, mit einem Menschen zu reden warum sollte ich ihn dann dem Publikum zumuten?“

 

Biotope mischen

 

Wichtigstes Prinzip des Dellbrücker Forums ist es, zwei ebenso unterschiedliche wie einge­fahrene Meinung aufeinander treffen zu lassen. Wenn sich Attac-Anhänger und Bayer-Mitar­bei­ter in freier Wildbahn treffen, machen sie einen Bogen umeinander oder bewerfen sich aus sicherer Entfernung mit Steinen. Bringt sie aber ein Thema, wie z.B. die Globalisierung (Dellbrücker Forum, 04.10.01) in Dellbrück zusammen, stehen sie dem Anderen auf neutralem Boden gegenüber. Der mittelkleine Gemeindesaal macht es ihnen unmöglich, einander auszuweichen. „Physische Enge ist notwendig, damit die Fremde verloren geht, und mit ihr die Vorurteile.“ Arnd Henzes Konzept geht meistens auf. Denn hier diskutieren die Referen­ten nicht nur mit Fachleuten, sondern vor allem mit dem Dellbrücker Publikum, das ehrliche Fragen stellt und jeden ausreden lässt. Die Atmosphäre im Saal trägt die Stimmung des Publikums direkt zu den Referenten, die Diskussion wird familiär, die Gegenposition vertrauter. Eine ungewohnte Situation für manchen Referenten, der nur die üblichen Terminen mit immer gleichen Gesprächspartner gewohnt ist.

 

Gewissheiten erschüttern 

 

Doch das Prinzip von These und Antithese führt nicht nur zur Synthese, sondern oft auch zu Überraschungen. Überraschend für manchen Kriegsgegner sprach sich so General Walter Jertz, ehemals Sprecher der Nato im Kosovo-Krieg, auf dem Forum gegen den Irak Krieg aus. Überraschend auch, dass beim Thema „Der Krieg und die Medien“ (16.01.03) etwa 30 uniformierten Soldaten auf den Kirchenbänken Platz nahmen. „Ich finde es immer schön, wenn man Leute irritieren kann,“ gesteht Arnd Henze und erinnert sich an seine eigenes Staunen, als Gerhard Berz, Vertreter der Münchener Rückversicherung, bei der Frage „Wer rettet das Weltklima“ (07.07.01) viel radikalere Schritte im Umweltschutz forderte, als der grüne Bundestagsabgeordnete Reinhard Loske neben ihm. Wenn man überraschend eine differenzierte Sicht des Gegenübers erlangt, dann lassen sich einige Grenzen einfach nicht mehr tragen.

 

Die neue Streitkultur

 

Wo noch Grenzen bestehen gilt der Streit als das Ringen um die besten Argumente. Auf dem Dellbrücker Forum darf jeder seine Meinung leidenschaftlich vertreten. Doch gewinnen kann nur derjenige, der neben dieser Leidenschaft die nötige Neugier besitzt, um die eigene Stellung durch neue Erkenntnisse erschüttern zu lassen. Arnd Henze weiß, dass Bewegung nur durch Widersprüche stattfinden und es kaum widerspruchsfreie Positionen gibt. Umso wichtiger ist es ihm, jede Position anzuhören: „Man erkennt, dass auch das Abgelehnte einen Kern hat und eine Substanz. Am Ende muss man sich für eine Meinung entscheiden.“ Bewusst lädt er daher immer wieder Vertreter solcher Positionen ein, die der dominanten Mei­nung im Publikum widersprechen. Wie zum Beispiel Walter Andrusyszyn, den ehemaligen Sicherheitsberater von Präsident Bush und Mitarbeiter des „National Security Councils“. Beim Thema „Wer stoppt die Gewalt“ (07.06.04) bildete er als Bush-Anhänger ein Gegenge­wicht zur Überzahl der Kriegsgegnern im Saal.

 

Pure Leidenschaft

 

Wenn es darum geht, eine klare Position zu beziehen, halten sich gerade Politikstudenten gerne zurück. Vermutlich, weil es bei einer differenzierteren Sichtweise kaum eindeutig richtige oder falsche Meinungen gibt. Beim Dellbrücker Forum geht es nicht um richtig oder falsch. Hier geht es darum, Raubtierkapitalisten als Gesprächspartner zu erkennen, Krawall-Protestler als besonnene Analytiker und Kämpfer als Friedensbotschafter. Erst dann kann sich jeder seine Meinung bilden. Denn wer handeln will, der muss schließlich Stellung beziehen. Auch bei schwierigen Themen wie der US-Außenpolitik, der Erweiterung der EU oder der deutsche Sozialpolitik.  Oder der Politik gegenüber dem Iran, über die der Exil Politiker Barati-Novbari unter der Fragestellung “Atommacht Iran?“ beim nächsten Dellbrücker Forum diskutiert.