Auf dem Weg zum Wir-Gefühl

Debatte im Dellbrücker Forum: „Was hält Europa zusammen?“

Daniel Cohn-Bendit und Karl Lamers diskutierten über europäische Identitätsstiftung.

von PETER SEIDEL

Köln - Eine europäische Verfassung, über die alle Menschen in den Ländern
der Europäischen Union am gleichen Tag abstimmen, das wäre es doch gewesen! Karl Lamers,
bis 2002 im Bundestag viele Jahre lang außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion,
und Daniel Cohn-Bendit, Fraktionschef der europäischen Grünen im Straßburger Parlament,
waren sich im Dellbrücker Forum einig, wie das Wir-Gefühl in Europa hätte gestärkt
werden können. Nur über das Urheberrecht für die Idee zankten sich die beiden zur
Belustigung der Zuhörer in der Christuskirche. „Ein grüner Vorschlag!“ fiel Cohn-Bendit
Lamers ins Wort, worauf dieser fein lächelnd entgegnete: „Mit Verlaub, das habe ich
schon viel früher vorgeschlagen, aber das hatte jetzt keine Chance und früher noch
weniger.“

Mit viel Nachdruck, streckenweise in leidenschaftlichem Ton widmeten sich der Grüne
und der Christdemokrat der von Moderator Arnd Henze gestellten Kernfrage: „Was hält
Europa zusammen?“ Cohn-Bendit hatte darauf zur Antwort: „Dass man ohne Polizeikontrolle
von Paris bis nach Köln reisen kann.“ Lamers sah in der „Vision der gemeinsamen Zukunft“
ein einigendes Band in Europa.

Mit Blick auf die Ukraine waren sich beide Politiker einig, dass dem Land eine Beitrittsperspektive
zustehe; Russland müsse eine privilegierte Partnerschaft eingeräumt werden, so Cohn-Bendit.
Eben diese hätte sich Lamers für die Türkei gewünscht. Werde die Türkei aufgenommen,
sei die Antwort auf die Frage, was uns zusammenhält, schwieriger, „denn die europäische
Identität wird schwächer“. Er verwies darauf, dass Europa sich auch im Außen-Auftritt
finden müsse. Einigkeit in der Außenpolitik könnte „ein großer Beitrag zum europäischen
Selbstverständnis“ sein. „Deswegen war das Verhalten Europas zum Irak-Krieg eine solche
Katastrophe.“

Auf die Frage eines Zuhörers zum Erfolg der europäischen Verfassung zeigte sich Cohn-Bendit
überzeugt: „Ich wage die Prognose, dass die meisten Länder ratifizieren werden.“ Und
er plädierte wie Lamers für ein Kern-Europa. „Wenn 20 Staaten Ja sagen und fünf Nein,
können die 20 es nicht einfach lassen.“