Lasten gerechter verteilen - Diskussion über Zukunft der Sozialsysteme

 

„Der Weg“ vom 23.März  2003

 

„Alt gegen Jung: Wer zahlt die Zeche?“ oder besser „Sozialstaat in der Sackgasse?“ Mit diesen beiden unterschiedlichen Schlagzeilen hatte Arnd Henze diesmal zum „Dellbrücker Forum“ in das Gemeindehaus der Christuskirche eingeladen. „Wir konnten uns nicht entscheiden“, gab der WDR-Redakteur und Moderator der Forumsreihe zu. Das eigentliche Thema, die Frage der „Generationengerechtigkeit“, habe nun mal nicht in eine Plakatzeile gepasst.

Während unter den rund 70 Gästen die Mehrheit eher mehr als 50 Jahre zählte, begrüßte Henze auf dem Podium mit der 19-jährigen Anna Lührmann die jüngste Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen „allerzeiten und weltweit“.

Parteienübergreifende Einigkeit demonstrierte Lührmann mit Günter Krings, Sprecher der Jungen Gruppe der CDU/CSU im Bundestag, in der Frage, wie dringend das Thema sei. Bereits im Jahre 2030 könne „jeder Beitragszahler seinen Rentner mit nach Hause nehmen“, rechnete Krings vor. Zwar werde das Problem auch im Bundestag erkannt, „doch die Diskussion bleibt stecken, weil keiner die Konsequenzen ziehen will“, so der 33-jährige Jurist. Parteienübergreifend müsse das „Schmerzbewusstsein erhöht werden“, der „Prozess der Reförmchen der vergangenen Jahrzehnte“ sei nicht mehr ausreichend.

Den „Totalkollaps“ des sozialen Systems prophezeite Anna Lührmann, „wenn wir so weiter machen wie bisher.“ Die Rente zu kürzen, sei jedoch ebenso unsinnig, wie die Abgaben zu erhöhen. Das eine führe zu Altersarmut, das andere dazu, „dass sich Arbeit nicht mehr lohnt,“ meinte die junge Grüne. Stattdessen forderte sie, auch Politiker, Beamte und Selbstständige in die Rentenkasse einzahlen zu lassen.

Anders als ihre jungen Kollegen sah Christel Hummel, SPD-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin der Arbeitsgruppe „Familie, Senioren, Frauen und Jugend“, die Lösung des Problems in einer geringeren Arbeitslosigkeit. Die beiden jüngeren widersprachen, da es angesichts der demographischen Entwicklung eines Tages eher zu wenig Arbeitnehmer geben werde. Mit „Unterjüngung“ sei die Entwicklung wohl besser beschrieben als mit dem gängigeren Begriff der „Überalterung“ meinte Günter Krings. Es müsse auch die Frage erlaubt sein, inwiefern die dazu gewonnenen Jahre nicht nur für den Ruhestand, sondern auch für eine verlängere Lebensarbeitszeit genutzt werden sollten.

Niemand wolle „ernsthaft etwas dagegen unternehmen, dass unsere Lebenserwartung steigt“, räumte die 19-jährige Lührmann augenzwinkernd ein, daher sollten die Lasten zukünftig gerechter verteilt werden. „Alles eine Frage der Verteilung“, pflichtete ihr SPD-Frau Hummel bei, „wir haben immer noch eine Menge Geld in unserem Land.“ Andere Einkommensarten wie Kapitaleinkünfte sollten heran gezogen werden und auch über die Vermögenssteuer „hätte weiter nachgedacht werden können“, so Hummel.

CDU-Mann Krings plädierte vor allem für Rahmenbedingungen, die Deutschland zu einem „attraktiven Wirtschaftsstandort“ machen. Das Kapital solle sich aber auch in der Hand der Arbeitnehmer bilden können, um die „Schere zwischen Arm und Reich wieder mehr zu schließen.“ Die Kirchen forderte er auf, sich stärker einzumischen und bedauerte zugleich, „dass sie den Kontakt zur Wirtschaft in den letzten Jahren verloren haben.“           masc