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Hier steigen Götter vom Olymp

 



Ganz Deutschland ist von Politikverdrossenheit besetzt. Doch ein Kölner Vorort wehrt sich gegen diesen Trend: Im „Dellbrücker Forum“ diskutieren Minister und Bürger auf Augenhöhe.

Dellbrück - Normalerweise treffen sich hier die Konfirmanden, rund 20 an der Zahl. Auch einem Bibelkreis oder Seniorennachmittag mag das Gemeindehaus der Christuskirche am Dellbrücker Mauspfad 345 genügend Platz bieten. Wenn aber morgen um 20 Uhr Staatsminister Ludger Volmer, Joschka Fischers rechte Hand im Auswärtigen Amt, und der anerkannte Sozialethiker Friedhelm Hengsbach über Gefahren und Chancen der Globalisierung debattieren werden, wird der Raum wie üblich zu klein sein. Und das ist gut so, finden jedenfalls Pfarrer Ottmar Baumberger und WDR-Redakteur Arnd Henze, die Organisatoren des „Dellbrücker Forums“.

 

„Das hat immer was von einem »Teach-in« in den 60er Jahren“, witzelt Baumberger, und Henze fügt hinzu: „Die Enge ist erwünscht. Sie sorgt für Intensität und lässt bei den Referenten keinerlei Eitelkeit zu.“ Durchschnittlich um die 100, mitunter gar 160 Zuhörer drängen sich auf der Quadratmeterzahl eines Studentenappartements. Und reden mit - „bodenständig, kritisch und mit Lust“, sagt Henze und wundert sich ab und an: „Die Leute stellen Fragen, auf die man als Journalist gar nicht mehr kommt.“

 

Insofern ist das Forum für ihn weit mehr als nur Freizeitbeschäftigung: „Ich gewinne da ungeheuer viel für meine Arbeit. Und nebenbei diskutieren wir über Dinge, über die ich ohnehin gern diskutiere.“ Seien es der Müll vor der Haustür, die Gene ungeborener Föten oder der Krieg in Afghanistan - keine Krise ist zu fern und kein Problem zu nah, um nicht in der Dellbrücker Streitwerkstatt eingehend abgeklopft zu werden. Dank der Sachkenntnis der geladenen Gäste und der Neugier des Publikums geschieht das mitunter so fundiert und überzeugend, dass Zitate aus dem Forum an der Kölner Peripherie immer häufiger Eingang in die Spalten der „großen Politik“ der Tagespresse finden.

 

Möglich macht das, glaubt der studierte Theologe Henze, die Kirche als eine Art Schutzraum, in dem der arbeitslose Drucker und der hochdekorierte General einander auf Augenhöhe begegnen können. Dazu allerdings müssen die Götter erst einmal vom Olymp herab steigen. Henze und Baumberger bedienen sich dabei eines Tricks: ein einfaches Abendessen in der Pfarrersfamilie vor Beginn des Forums. Henze erzählt gern vom Ausruf des ehemaligen Nato-Generals Wolfgang Altenburg: „Plockwurst! Die hab' ich ja seit 20 Jahren nicht mehr gegessen.“ Danach war der anfangs soldatisch steife General in Dellbrück angekommen. Und ist die Rückreise zu weit, gibt es eine Übernachtung bei Henzes im Gästebett. Hotel kommt nicht in Frage.

 

„Diese Normalität verändert die Diskussion“, sagt Henze. Und sie verschafft ihm die Möglichkeit, auch ohne Honorar-Budget renommierte Referenten zu gewinnen. „Ich kann versprechen, dass sich die Leute auf die Gäste freuen. Und die meisten Politiker finden es toll, im fairen Streit mit den Bürgern mal richtig gefordert zu werden. Selbst wenn sie dabei - was auch schon passiert ist - richtig baden gehen.“

 

Die Themen ergeben sich aus dem Tagesgeschäft, und mitunter sehr spontan: Kracht es zwischen Alteingesessenen im Mielenforst und den Bewohnern der Neubausiedlung Iddelsfeld, sucht das Forum nach einer Lösung. Demnächst dürften der mögliche Krieg im Irak, die innere Sicherheit, die Bildungspolitik und natürlich der Bundestags-Wahlkampf aufs Tablett kommen. Baumberger und Henze sind sich ihre Sache sicher: „Das angebliche Desinteresse der Bürger an Politik ist nur eine Ausrede. Die Leute wollen ernst genommen werden. Auf beiden Seiten.“