Selbstkritik beim Dellbrücker Forum
 

Von Sebastian Sedlmayr

Viele Monate lang kamen zum "Dellbrücker Forum" nicht mehr so "wenige" Zuhörer wie am vergangenen Montag. Entweder war das gute Wetter schuld, oder die Tatsache, dass die USA den Krieg gegen den Irak am 1. Mai für beendet und gewonnen erklärt hatten. Noch vor wenigen Wochen füllte das Publikum bei der Frage "Wie widerständig ist die Kultur?" die ganze Kirche, diesmal wurde wieder im Gemeindesaal diskutiert. Der wurde dann doch noch ziemlich voll. Schließlich hatte WDR-Auslandsexperte und Initiator des "Forums" Arnd Henze zu einer Debatte geladen, die derzeit die Gemüter diesseits und jenseits des Atlantiks erhitzt, die Jürgen Habermas und Jaques Derrida gemeinsam mit weiteren europäischen Intellektuellen ein konzertiertes Plädoyer in den bedeutenden Tageszeitungen des Kontinents veröffentlichen ließ: Muss sich Europa von den USA emanzipieren - und wenn ja, wie?

Die mittlerweile auch von US-amerikanischer Seite zum Beispiel von dem Geschichtsprofessor Paul Kennedy mit dem Satz "Taten statt Worte" beantwortete Stoßrichtung von Habermas und seinen Mitstreitern, ein Kerneuropa solle sich anschicken, ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten bilden, ist die eine Seite der logischen Fortführung des Irak-Konflikts mit rhetorischen Mitteln. Die andere - meist aus konservativen Politikkreisen zu hören - will zum status quo ante bellum der transatlantischen Beziehungen zurück, zu jenen sonnigen Tagen, als Bill Clinton auf dem Weltwirtschaftsgipfel 1999 gerufen hatte: "Ich bin ein Kölsch!" und Deutschland verzückte.

Dass dieser Wunsch reine Nostalgie ist, darüber waren sich die Gäste weitgehend einig: Gary Geipel als Vizepräsident des Hudson Institute Vertreter der neokonservativen USA, Rolf Mützenich, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Köln und promovierter Politikwissenschaftler, Frank-Paul Weber, Berlin-Korrespondent der französischen Zeitschrift "La Tribune", Janusz Styczek, Leiter der politischen Abteilung im polnischen Generalkonsulat.

Die scheinbar klar vorgezeichneten Konfliktlinien zwischen "alten" und "neuem" Europa und den USA traten erstaunlich selten zu Tage. Geipel kritisierte die Haltung der Bush-Administration zur NATO, die das Atlantische Bündnis nur noch als "Toolbox", als Werkzeugkiste, für weniger brisante Fälle als den Irak-Konflikt benutze. Er machte glaubhaft, dass den USA langsam aufginge, ihre Außenpolitik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei der Grund für den wachsenden Hass auf die USA. Die Vorwärtsverteidigung des konservativen Politikberaters war indes noch überraschender als das Eingeständnis: "Der Pakt mit Diktatoren ist mit Bush zu Ende", sagte Geipel. Das müssten Europa und die Weltöffentlichkeit anerkennen.

Dass Bush, sollte dies hehre Interesse tatsächlich hinter dem Irak-Krieg gestanden haben, das zumindest gut versteckt hat, gestand Geipel ein: "Ein Cowboy interessiert sich nicht für die Meinung Intellektueller oder für Artikel in der New York Times." Soll heißen: Er handelt, damit dann die Geschichte über ihn richten kann. Im Publikum keimte wieder einmal Verständnis für den Satz des Bundeskanzlers Gerhard Schröder vom August 2002 auf, er werde sich "nicht auf Abenteuer einlassen".

Ein Abenteurer ist auch Rolf Mützenich nicht. Als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages warnte der SPD-Politiker, die Diskussion um die Militarisierung der europäischen Außenpolitik gehe "nicht in die richtige Richtung". Um eine Alternative zur Hegemonialpolitik der USA darzustellen, müsse die "Zivilmacht Europa" gestärkt werden. "Leider" sei im EU-Verfassungsentwurf die Kontrolle der Außen- und Sicherheitspolitik durch das Parlament nicht festgeschrieben. Mützenich warnte - auch seine Kollegen in der Bundesregierung - vor einem "Wettrüsten" zwischen der EU und den USA, das er für "nicht ausgeschlossen" hält.

Mit sich und der Politik seines Landes im Reinen schien einzig Janusz Styczek. Mit den Säulen NATO und EU seien die Sicherheits- und die Wirtschaftsinteressen des Landes gut bedient. Seine europäischen Gesprächspartner fragte der polnische Diplomat: "Warum soll Polen nicht den Spagat durchhalten, den Deutschland 40 Jahre lang aushielt?" Die Anfeindung des französischen Präsidenten Jaques Chirac, die EU-Beitrittskandidaten hätten eine "gute Chance verpasst, den Mund zu halten", als sie den "Brief der 8" unterzeichneten, um sich mit den USA in der Irak-Politik zu solidarisieren, wertete Styczek als "unterste diplomatische Schublade".

Damit ging der französische Journalist Frank-Paul Weber d'accord. Dass Chirac sich in der Irak-Krise zum Friedensengel habe stilisieren können, sei eine Mischung aus purem Zufall und dem besonderen Spielraum, den Frankreichs Staatsoberhaupt verfassungsgemäß genieße. Größere Investitionen in den europäischen Militärapparat wollte Weber nicht per se ausschließen, es komme aber darauf an, dass die Gelder qualitative Verbesserungen bringen, nicht quantitative. Mehr Souveränität gegenüber den USA könne Europa nur erlangen, wenn es mit einer Stimme spreche. Die Diskussion im evangelischen Dellbrücker Gemeindezentrum zeigte allerdings wieder einmal: Der Weg zu dieser gemeinsamen Stimme ist noch so weit, dass die USA sich beruhigt Zeit lassen können, um ihre "Performance" zu perfektionieren.